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Grenzerfahrungen

 

Dietmar Albrecht

Grenzerfahrungen.
Literaturlandschaft Ostsee im Gedächtnis von Zeit und Raum

Vortrag zum Symposium„Literatur, Grenze, Erinnerungsraum“
vom 5. bis 8. September 2002 in Stettin und Poberow
 

„Groß ist die Kraft des Gedächtnisses, das Orten innewohnt, und mit gutem Grund gründet die Kunst des Erinnerns auf sie.“ Von Marcus Pupius Piso sind diese Worte überliefert.[1] Er unterhält sich mit Cicero während eines Nachmittagsspaziergangs auf den Wegen der Akademie vor den Toren Athens. Das war um das Jahr 80 vor unserer Zeit.

Abendländischem Bildungskanon gemäß möchte diese Erinnerung genügen, unseren Beitrag (und unser Symposium) zu begründen. Ich möchte einige weitere Gründe hinzufügen.[2]

Walter Benjamin hat eines seiner „Denkbilder“ unter den Titel „Ausgraben und Erinnern“ gestellt. Gedächtnis ist ihm Medium für die Erkundung des Vergangenen, Medium des Erlebten wie das Erdreich das Medium ist, in dem die alten Städte verschüttet liegen: „Wer sich der eigenen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muss sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen – ihn auszustreuen wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt.“[3]

Marcel Proust hat, auf der Suche nach der verlorenen Zeit, die Kunst des Erinnerns auf die Spitze getrieben: „Wenn von einer weit zurückliegenden Vergangenheit nichts mehr existiert, nach dem Tod der Menschen und dem Untergang der Dinge, dann verharren als einzige, zarter, aber dauerhafter, substanzloser, beständiger und treuer der Geruch und der Geschmack, um sich wie Seelen noch lange zu erinnern, um zu warten, zu hoffen, um über den Trümmern alles übrigen auf ihrem beinahe unfassbaren Tröpfchen, ohne nachzugeben, das unermessliche Gebäude der Erinnerung zu tragen.“[4] Und so steigen auf einer Woge des Glücks in ihm empor, an einem Sonntagmorgen in Combray, beim Genuss eines Stückchens „petite Madeleine“ in Lindenblütentee getaucht - „alle Blumen unseres Gartens und die aus dem Park von Swann und die Seerosen auf der Vivonne und all die Leute aus dem Dorf und ihre kleinen Häuser und die Kirche und ganz Combray und seine Umgebung, all das was nun Form und Festigkeit annahm, Stadt und Gärten, stieg auf aus meiner Tasse Tee.[5]

Die Vergangenheit überlebt uns, sie ist das Dauernde. Literatur vermittelt sie auf dem Weg der Erinnerung, auf ihrem Weg von der „ars“, der Kunst, zur „vis“, zur Kraft des Veränderns. „Schreibe!“ endet Johann Gottfried Herder den fünfundneunzigsten seiner Briefe zu Beförderung der Humanität, „,Schreibe!’ sprach jene Stimme und der Prophet antwortete: für wen? Die Stimme sprach: ,schreibe für die Toten! Für die, die du in der Vorwelt lieb hast.’ - ,Werden sie mich lesen?’ - ,Ja: denn sie kommen zurück, als Nachwelt.’“[6] „Das werde geschrieben auf die Nachkommen“, sagt im Alten Testament der Psalm 102 in Vers 19.

„Between my finger and my thumb / The squat pen rests. / I’ll dig with it.” (Zwischen Finger und Daumen / Ruht, kauernd, die Feder. / Mit der werd ich graben) – so beschreibt der irische Dichter Seamus Heaney, in der letzten Strophe seines Gedichts „Digging“ von 1964, die Arbeit am individuellen und kulturellen Gedächtnis.[7]

Gedächtnisorte der Geschichte, der Literatur, der Kunst erleichtern uns das Erinnern. Sie fordern uns heraus, setzen unser Denken in Bewegung. Sie machen uns vertraut mit einer Landschaft, einer Region, ihren Menschen und ihrer Kultur. An solchen Orten des Erinnerns verdichtet sich der Raum zur Zeit. An solche Erinnerung wird appelliert, um zu heilen, zu beschuldigen, zu rechtfertigen. Sie stiftet individuelles und kollektives Selbstbewusstsein. Sie ist das Fundament unserer Gegenwart.

„Daß das Gedächtnis das Vergangene doch fassen könnte in die Formen, mit denen wir die Wirklichkeit einteilen!“ Uwe Johnson sieht die Stücke der Vergangenheit, „Eigentum durch Anwesenheit“, versteckt in einem Geheimnis, „abweisend, unnahbar, stumm und verlockend wie eine mächtige graue Katze hinter Fensterscheiben, sehr tief von unten gesehen wie mit Kinderaugen“[8]. Das schreibt Johnson ziemlich zu Beginn der „Jahrestage“. Margret Boveri hilft ihm das Gedächtnis dingfest machen, schenkt Johnson die „Katze Erinnerung“. Der stellt sie aufs Parkett des Wohnzimmers an der Marine Parade.[9]

Heinrich Heine holte das Kästchen des Darius in sein Lied auf den hispano-jüdischen Dichter Jehuda Halevi. Kostbar verschließt der große Alexander im Juwelenkästchen des entflohenen Darius die beiden Bücher Homers, zur Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses, Pfand gegen das Vergessen. Auch Heine zitiert, zu Beginn des Liedes, einen Psalm, Psalm 137 Verse 5f: „Lechzend klebe mir die Zunge / An dem Gaumen, und es welke / Meine rechte Hand, vergäß ich / Jemals dein, Jerusalem -“[10]

Üben wir gegen das Vergessen, rufen wir einige der Gedächtnisorte in unsere Erinnerung, Kristalle der Literaturlandschaft Ostsee.
 

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         Ein Sommerhaus über dem Haff

Thomas Mann verbrachte nur wenige Sommer in Nidden auf der Kurischen Nehrung – ihrem litauischen Teil. Die deutschen Nazis jenseits der nahen Grenze hatten ihm sein Tusculum verdorben. Doch sein Haus auf dem Schwiegermutterberg hat die Aura des großen Bildungsbürgers und Humanisten, des Europäers und Weltbürgers bewahrt. So bescheiden es ist, so abgeschieden seine Lage, so sehr strahlen Leben und Werk seines Sommergastes über Nidden und die Nehrung hinaus - nach Litauen, ins Preußenland und hinaus in den Ostseeraum.

Das Thomas-Mann-Haus in Nidden ist heute nicht nur ein Brennpunkt, vielleicht der Brennpunkt deutsch-litauischer kultureller Beziehungen und ein Ort neuer Begegnung und Nachbarschaft, der auch für deutsche und deutschsprachige Traditionen steht. Das Thomas-Mann-Haus ist für Litauen ein Ort der Weltoffenheit und des Weltbürgertums und ein Gegenpol zu Engstirnigkeit und Intoleranz.

In seinem Sommerhaus hat Thomas Mann den zweiten Band seiner Josephsgeschichten beendet und den dritten Band begonnen. Tief aus dem Brunnen der Vergangenheit befördern die Josephsgeschichten unsere Gegenwart:

- Joseph hatte seine Heimat verloren und die Wärme seiner Familie. Er kämpfte um sein Überleben, um neue Identität, ohne Besitz, ohne Hergebrachtes, distanziert und neugierig und lächelnd. Ein Unfreier im Ägypterland, fühlte er sich frei.

- Seine Freiheit, seine Distanz, seine Unbeschwertheit gaben Joseph die Fähigkeit, Träume zu deuten. Joseph wusste zu raten, Rat zu geben. Er hatte die klügeren, die kühnen Ideen. Sein Denken half der Zeit und ihren Nöten. Während seine Umwelt der Zeit nachlief, war Joseph seiner Zeit voraus, deutete seiner Zeit die Träume, lieferte ihr realistische und praktikable Prognosen, wurde seiner Zeit ein Helfer in der Not.

- Und Joseph lebte von Toleranz. Toleranz gehörte in Ägypten zum guten Ton. Das Ägypterland konnte sich Toleranz leisten, in Grenzen. Joseph nutzte sie. Doch unter dem Firnis der Toleranz glomm auch der Hass auf das Fremde. Neben der Fraktion des Sonnengottes, die sich in Toleranz gefiel, stand die Fraktion der Konkurrenz, heilig-streng, die beim Angestammten harrte. Joseph stürzte, und er half sich wieder hoch. Josephs Talent zu praktischer Utopie hat letzten Endes triumphiert.
 

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         Kleine Heimat Kaschubei

Geschichte verfährt grob und lakonisch: Zuerst kamen die Rugier, dann kamen die Goten und Gepiden, sodann die Kaschuben, von denen Oskar in direkter Linie abstammt. Bald darauf schickten die Polen den Adalbert von Prag. Der kam mit dem Kreuz und wurde von Kaschuben oder Pruzzen mit der Axt erschlagen. Das geschah in einem Fischerdorf, und das Dorf hieß Gyddanyzc. Aus Gyddanyzc machte man Danczik, aus Danzcik wurde Dantzig, das sich später Danzig schrieb, und heute heißt Danzig Gdańsk.[11]

Derart summiert Günter Grass die Geschichte Danzigs und der Kaschubei, einem der Zwischen-Räume an den Ufern der Ostsee. In der „Blechtrommel“ von 1959 ruft Grass Herkunft ins Gedächtnis, Erinnerung, die er nicht vergeben und nicht vergessen kann:

Ich wußte, daß das weg ist: Danzig. Da war ein Vakuum. Eine Unruhe und ein Ahnen: das wird mir fehlen. Bei mir war sehr früh die politische Erkenntnis da, daß das auf begründete Art und Weise verloren ist durch deutsche Schuld. Das ist im 20. Jahrhundert preisgegeben worden durch eine verbrecherische Politik, die getragen wurde von den Deutschen. Aber damit, daß das alles geographisch und politisch verloren war, war nicht gesagt, daß es ganz und gar weg sein mußte. Das war auch ein Antrieb, mir zumindest literarisch, mir schreibend das wiederherzustellen, was verloren war.[12]

Grass macht sich an die Arbeit. Stadt und Land sind ihm im Gedächtnis. Und schließlich steht er in der Wohnküche seiner kaschubischen Großtante Anna. Erst als Grass ihr seinen Pass zeigt, glaubt sie ihm: „Nu Ginterchen, biss abä groß jeworden.“ Dort bleibt Grass einige Zeit und hört zu.[13]

Danzig/Gdańsk ist Vorort der Kaschuben. Die kommen wie die Anna Koljaiczek vom Lande, haben kleine Pachthöfe mit Hühnern, einer Kuh, zwei Schweinen, einige Morgen Kartoffelacker, etwas Gerste und Roggen, ein paar Apfelbäume. Das reicht niemals ganz. So verdienen die Pächter ein Zubrot im Gewerbe, in der Ziegelei, oder sie ziehen in die Stadt, werden städtische Kaschuben. Aus ländlichem Proletariat werden Kleinbürger, die deutsch sprechen und Zweizimmerwohnungen bekommen mit winziger Küche und dem Klo auf dem Treppenabsatz für vier Mietparteien - wie Familie Grass in Danzig-Langfuhr/Gdańsk-Wrzeszcz. Ihre Konfession verrät sie. Evangelisch sind die Deutschen, katholisch die Kaschuben. Kleinbürgerlichkeit verbindet beide. Eingeklemmt zwischen Pommern und Danzig, zwischen Deutschen und Polen, leben die Kaschuben ländlich, praktisch und ein wenig schlitzohrig wie alle kleinen Völker unter den großen, außerhalb der Zeit und unbestimmbar, eine Art von Ur-Volk, das den politischen Wahnsinn der umgebenden Völker überlebt - ihre Kriege und Fluchten, ihre Vertreibungen und Optionen.

So isses nu mal mit de Kaschuben, Oskarchen, klagt die kaschubische Großtante Anna Koljaiczek, die trefft es immer am Kopp. Aber ihr werd ja nun wägjehn nach drieben, wo besser is, und nur de Oma wird blaiben. Denn mit de Kaschuben kann man nich kaine Umzüge machen, die missen immer dablaiben und Koppchen hinhalten, damit de anderen drauftäppern können, weil unserains nich richtich polnisch is und nich richtig deitsch jenug, und wenn man Kaschub is, das raicht weder de Deitschen noch de Pollacken. De wollen es immer genau haben![14]

Ob der Reichsdeutsche Matzerath Vater des Blechtrommlers Oskar ist oder nicht doch der polnische Kaschube Bronski, lässt Grass offen. Oskars Mutter hat es mit beiden. Über die Großmutter reichen Oskars Wurzeln aber unstrittig in die Kaschubei. Unter den vier Röcken der Anna Koljaiczek beginnt alles. Die kaschubischen Röcke der Koljaiczek sind der Fluchtpunkt aus der Welt. Sie bedeuten Paradies und Heimat, Geburt, Liebe, Tod, Rückkehr ins Selbstbewusstsein, Einkehr zum Ich, mała ojczyzna Kaszubów.
 

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         Sõja laul, Lied vom Krieg

Monate nur, bevor Hitler und Stalin den Abschied der Deutschbalten aus Estland, Livland, Kurland diktieren, schreibt Werner Bergengruen mit dem „Tod von Reval“ sein Memento auf die alte Stadt am Meer.

Bergengruens Blick geht zurück, in einer großen Gelassenheit, wie die Elegien Eduard Graf Keyserlings, die Kindheitsträume Siegfried von Vegesacks, Otto von Taubes und der übrigen. Geschichte verdämmert, eine Lebensart erlischt. Der Abschied gilt. Kein Wort, dass da Menschen bleiben und Völker. Jene Stadt am Meer liegt abgesunken in den Tiefen der Jahre, mythisches Land wie das Persien des Hafis oder das Schottland vor der Austreibung der Stuarts. Bergengruen und seinesgleichen wollen das Land ihrer Kindheit bewahren, ohne den Unterschied der Jahre:

Wenn einem eine Geliebte gestorben ist, kann man fortfahren, sie zu lieben. Ja, wenn man die seelische Kraft dazu aufbringt, kann man fortfahren, mit ihr zu leben. Exhumieren wollen wird sie nur ein Fetischist. Und sich einreden, sie sei nur scheintot und werde übermorgen im Glanz der Jugend aus ihrem Gewölbe treten, das kann bloß ein Narr.[15]

Doch ich hatte mich aufgemacht, die Geliebte zu suchen. Ich erlebte Reval – oder Tallinn, Danilinn, die Dänenstadt - wie im Rausch. Das war in den ersten Wehen der Perestrojka. Meine Gänge durch dieses kostbare, alte, sehr vertraute Reval wurden mir zu einer Reise in Zeit und Raum, Geschichte ungebrochen wie sonst nur in Basel und Bern. Auf dem Domberg fand ich manches Stück Westfalen, am Embach drüben in Dorpat ein Stückchen Ilm aus dem klassischen Weimar. Und inmitten immer wieder höchst lebendig Menschen, die sich in Gotik und Renaissance heimisch fühlten, groß und schön und stolz-überlegen. Auf der Suche nach der verlorenen Geliebten war ich heim geraten.

Wenig später, im November 1986, las ich im Wochenblatt des Kulturbundes der Deutschen Demokratischen Republik vom estnischen Schriftsteller Jaan Kross. Annonciert wurde die Übersetzung seines Romans „Das Leben des Balthasar Rüssow“. Im Gespräch, das der „Sonntag“ 1986 bringt, weist Jaan Kross auf das Fortdauern der Vergangenheit in Raum und Zeit.Wirseien es, die vorübergingen; die Vergangenheit bleibe real. Gegenwart und Geschichte gingen ineinander über. Bei den vielbetonten Änderungen in den Verhältnissen der Menschen sei doch viel Kostümwechsel. Wer sich mit historischen Stoffen befasse, müsse das Gespür haben für die Kontinuität von der Vergangenheit ins Heute. So Jaan Kross. Oder Balthasar Rüssow. Oder beide ineinander. „Zwischen drei Pestseuchen“ - so formuliert – 1970! - drastisch der estnische Titel des Romans: zwischen den Schweden nämlich, den Polen, und den Russen.

Jaan Kross wird 1920 in Tallinn geboren, erlebt Kindheit und Jugend vor den Toren der alten Stadt, besucht von 1928 bis 1938 das Gymnasium, wo er Deutsch, Schwedisch, Englisch, Französisch, Finnisch und Latein lernt. Der Gymnasiast reist durch Deutschland, Schweden, Finnland, Litauen. 1938 bis 1944 studiert Kross in Dorpat Jura. Im April 1944 wird er von der deutschen Besatzungsmacht in Untersuchungshaft genommen. Beim Nahen der Roten Armee eher zufällig freigelassen, beendet Kross sein Jurastudium und rückt zum Dozenten auf. Während er promoviert, wird Kross im Januar 1946 erneut - diesmal von den Sowjets - verhaftet und im Oktober 1947 zu fünf Jahren Lagerhaft verurteilt. Kross verbringt sie im sibirischen Komi und wird anschließend in den Krasnojarsker Bezirk verbannt. 1954 kehrt auch Kross – mit den Überlebenden - nach Tallinn zurück.[16]

Nach der Chronik des Balthasar Rüssow, dem „Verrückten des Zaren“ und den „Frauen von Wesenberg“ schreibt Kross seinen vierten Roman, „Professor Martens’ Abreise“, der 1984 in Estland erscheint. Kross erzählt von der letzten Reise des Professors, von Pernau in die große Welt nach St. Petersburg.

Auf einem Bahnhof in Livland schmuggelt Jaan Kross eine junge Dame ins Kleinbahncoupé, die seine Welt und die seiner Erzähler durchbricht. Sie ist zur Zeit der Reise des Professors noch nicht fünfundzwanzig, freundlich, klein, rund, eine Mischung aus baltischer Adliger, Blaustrumpf und estnischem Dorfkind. Jaan Kross erzählt das erste Vierteljahrhundert aus dem Leben jener Hella Murrik aus Helme, die das Mädchengymnasium in Dorpat besucht, als Journalistin in Petersburg sich die Lizenz zum Studium besorgt, in Helsinki - weil es in Estland noch unmöglich ist - Volkskunde, Literatur und Geschichte studiert, mit einer Examensarbeit zum estnischen Volkslied als erste Estin den Magistergrad erwirbt, seit dem Studium bei den finnischen Sozialdemokraten mitarbeitet und einen ihrer Abgeordneten im finnischen Reichstag heiratet, Sulo Wuolijoki aus einer alten Bauernfamilie im mittelfinnischen Tavastland oder Häme.[17]

Der weitere Lebenslauf dieser Hella Murrik-Wuolijoki böte Stoff für einen Roman zu estnisch-fnnischer Zeitgeschichte, von hohem Reiz für Jaan Kross, der doch im Nachbarn Finnland eine Überlebenshoffnung sieht für das kleine Estland.

Im ersten Krieg erwirbt Wuolijoki sich Vermögen, kauft 1920 das Gut Marlebäck zwei Autostunden im Norden von Helsinki, wo sie 1940 Bertolt Brecht und seiner Familie Zuflucht gewährt. Aus den Erzählungen Wuolijokis formt Brecht das Stück vom Puntila und seinem Knecht Matti. 1943 knüpft die streitbare Sozialistin - und Patriotin - Kontakte zum Kriegsgegner Sowjetunion, um Finnland rechtzeitig aus dem „Fortsetzungskrieg“ an der Seite Deutschlands zu lösen. Wegen Landesverrats vor Gericht gestellt, kommt Wuolijoki knapp am Todesurteil vorbei. Nach dem finnisch-sowjetischen Waffenstillstand von 1944 wird die Gefangene freigelassen, leitet von 1945 bis 1949 den finnischen Rundfunk und wird 1946 bis 1948 zum Mitglied des Reichstags gewählt. Hella Wuolijoki stirbt 1954.

Die Wuolijoki ist einer der Helden der Literaturlandschaft Ostsee. Schönste Frucht der Wuolijoki ist ihr „Sõja laul“, das „Lied vom Krieg“, das 1915 in Reval erscheint. Im Sommer 1940 auf Marlebäck liest Wuolijoki der Brecht-Familie ihr Kriegslied vor, halb singt sie es, in der estnischen Weise. Auch Brecht setzt sich an den Text, ohne Vorbehalt, ohne kritische Brechung. Das „Kriegslied“ wird ein großes Gedicht, episch, breit, Stimmen tief aus Raum und Zeit.[18]

Als Wuolijoki und Brecht sich um das Lied mühen, ist das unabhängige Estland erneut zum Traum geworden. Unter Tränen sieht Wuolijoki Estlands Lieder als „Mitgift in die Sowjetunion“ gehen.[19]

Mit der Wuolijoki hat Jaan Kross den Esten ihre Geschichte wiedergegeben – und ich nenne die Esten stellvertretend für alle die Kleinen: Kaschuben, Karelier, Klein-Litauer, Samen ... Wenn dieses kleine tapfere Volk wieder zu sich findet, wenn es Sicherheit gewinnt aus den Verflechtungen seiner Geschichte, Sicherheit unter seinen Nachbarn und mit ihnen, Sicherheit aus aufrechtem Gang durch Unterdrückung und Verbannung, wenn Estland seine Renaissance erlebt als Volk und Nation in Europa, so dankt es dies in hohem Maße dem Schriftsteller Kross.

Die Gefahr, überflutet zu werden, weggefegt zu werden, als ein Volk für sich zu verschwinden, habe die Esten bis heute nicht verlassen, meinte Jaan Kross bei der Eröffnung des Schweizer Lesesaals Ende 1997 in der neuen Estnischen Nationalbibliothek, die gebaut ist wie eine Festung. In dieser Lage des Sein oder Nichtsein stehen die Wuolijoki wie Jaan Kross als Wegmarken für die Freiheit von Bürgern und Bauern, für Weltoffenheit und für Toleranz.

So führt Jaan Kross die Esten zurück in die europäische Ökumene. Er lebt damit unserem Europa voraus, subversiv auch darin. Wieviel dieser Kross’schen Subversion wird in der Gegenwart überleben? Ein Viertel? „Nein“, korrigiert der Schriftsteller selbst, „zwei Drittel dürften wohl bleiben.“[20]
 

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         Smålands Auswanderer

Mit den westeuropäischen Rheinlanden teilt der Ostseeraum die wunden Territorien des vergangenen Jahrhunderts. Doch anders als im Westen haben Aussiedlung, Flucht, Vertreibung und Deportationen ganze Landstriche von Karelien bis Pommern entvölkert, neu bevölkert, blutig „bereinigt“ – eine Völkerwanderung von einer kulturell noch kaum bewältigten Dimension. Hundert Jahre zuvor begann eine andere Vertreibung ähnlicher Dimension, eine Flucht aus Armut und Not in die Ferne.

Von Vissefjärda nordwestwärts Richtung Lessebo und Växjö erreicht die Straße über Långasjö und Åkerby den Kirchspielsort Ljuder inmitten des schwedischen Småland. Seine Kirche ist wie allerorten das Wohnzimmer der Gemeinde; dazu der Friedhof, das Pfarrhaus, ein Kotten grasgedeckt, verlassen und samt allem drinnen und drum als Heimatmuseum bewahrt, ein paar Häuser, zwei oder drei Höfe.

Aus Ljuder wandert August Nikolaus Mård um 1865 nach Mecklenburg aus, um sich dort eine Schiffspassage nach Australien zu verdienen. Mård bleibt in Mecklenburg und Pommern, wird sich Johnson nennen und zum Großvater Uwe Johnsons werden.

Die Bauern aus Ljuder stammen aus einem Geschlecht, das seit tausend Jahren und mehr den Boden von Småland bestellt. Ihre Höfe sind eine Welt für sich, sich selbst genug, niedrig und grau, unter Dächern aus Torf und Birkenrinde. In ihren vier Wänden aus grob behauenen Kiefernstämmen feiern sie Hochzeit, Taufe und Tod. Ihr Leben fließt ruhig im Ring der Jahreszeiten. Erst die neuen Kräfte des neunzehnten Jahrhunderts sprengen die hergebrachte Ordnung. Eine fremde Welt rückt näher. Der neue Erdteil im Westen verheißt Land und Freiheit und lockt die Kühnsten unter jenen fort, denen ihr Los in der Heimat unerträglich wird.

In seiner Romantetralogie von den Auswanderern, erschienen zwischen 1949 und 1959, erzählt Vilhelm Moberg, der selbst in der Nachbarschaft aufwächst, von den ersten der Bauern aus Ljuder, die hundert Jahre zuvor nach Amerika ziehen. Sie wissen nicht, dass ihnen ein Fünftel des schwedischen Volkes folgen wird. Von 1815 bis 1900 wächst Schwedens Bevölkerung von zwei auf fünf Millionen. Zugleich verlassen zwischen 1840 und 1900 über achthunderttausend Schweden ihre Heimat, um in Amerika oder anderswo in Übersee mehr Ackerland zu bestellen, als im Königreich zu verteilen ist.

So wie die Auswanderer aus dem Norden Europas fortziehen ins gelobte Land, so ziehen die Überzähligen und Zukurzgekommenen fort aus Finnland und den russischen Ostseeprovinzen, aus Wolhynien und Galizien, aus Pommern und aus Mecklenburg. Not und Elend vertreiben die Menschen. Auch sie leben fort im Gedächtnis von Zeit und Raum.

Vilhelm Moberg erfährt die Geschichte der Auswanderer am eigenen Leib. Geboren wird er 1898 in Moshultamåla, auf halbem Wege zwischen der Kirche von Ljuder im Westen und der von Algutsboda im Osten. Von 1906 bis 1912 besucht Moberg die Schule. Mit elf schon verdient er ein Zubrot als Laufbursche in einer der Glashütten, die von den Wäldern und dem Sand seiner Heimat leben. Auch Moberg will nach Amerika. Ein Kurs auf der folkhögskola überzeugt ihn, in Schweden zu bleiben. Moberg beginnt zu schreiben, als Sozialist, Pazifist, Patriot. Das Haus der Auswanderer in Växjö, Schwedens Emigrantinstitutet, bewahrt Erinnerungen an den Chronisten der „Auswanderer“.

Die Daheimgebliebenen haben an der Straßenkreuzung in Åkerby, eine Viertelstunde vom Kirchort Ljuder auf dem Weg zum Auswandererhafen Karlshamn, ihren Landsleuten einen Gedenkstein gesetzt, einen Findling, von Grün umgeben. „Pflege, bewahre und achte deine Heimat solange wie du auf Erden weilst“ steht auf der einen Seite geschrieben, dazu eine Karte von Ljuder aus dem Jahr vor dem ersten Zug nach Amerika. Die Rückseite des Steins vermerkt: „Hier an der Straßenkreuzung in Åkerby begann für viele die Reise nach dem Lande im Westen. Für den Traum von Freiheit und Wohlstand verließen sie ihre Heimat. Ljuder aber behielten sie in ihrem Herzen.“

Die Völker im Osten wie im Süden der Ostsee, Mehrheiten und Minderheiten, Flüchtlinge und Vertriebene, mögen lernen von der Gedächtniskultur der großen Auswanderung – auch sie eine Brücke zur Gemeinsamkeit in der Kulturlandschaft Ostsee.
 

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         Dänisches Asyl, dänische Dialektik

Asyl, Kollaboration, Abrechnung bleiben offene Wunden in der Kulturlandschaft des Ostseeraums. Keiner seiner Anrainer darf da behaupten, Ausnahme zu sein.

Wenige politische Emigranten in den Jahren seit 1933 finden in den nordischen Ländern Zuflucht. Norwegen hat 1934 vierzig Emigranten, 1938 hundertfünfzig, 1940 sind es 840. Schweden zählt 1934 zweihundert, 1938 1.150, 1940 fast das Dreifache. In Finnland halten sich zwischen 1933 und 1945 nie mehr als zweihundert Hitlerflüchtlinge gleichzeitig auf.[21]

1934 leben 750 deutsche Emigranten in Dänemark, mit ihnen Bertolt Brecht und Helene Weigel in ihrem Haus auf Fünen, am westlichen Stadtrand von Svendborg, in Skovsbostrand. Walter Benjamin erinnert ein Detail aus dem Haus unterm dänischen Strohdach: „Auf einen Längsbalken, der die Decke von Brechts Arbeitszimmer stützt, sind die Worte gemalt: ,Die Wahrheit ist konkret.’ Auf einem Fensterbord steht ein kleiner Holzesel, der mit dem Kopf nicken kann. Brecht hat ihm ein Schildchen umgehängt und darauf geschrieben: ,Auch ich muss es verstehen.’“[22]

Im September 1939 ersucht Brecht von Stockholm aus um Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung für Dänemark. Brecht braucht sie, solange das ersehnte Visum aus den USA nicht eintrifft. Und obschon Schweden den deutschen Flüchtling nicht wohnen lassen will, bietet es doch – noch – ein wenig mehr Schutz als Dänemark vor dem Vormarsch der Deutschen. Die Svendborger Fremdenpolizei stellt fest, dass mit dem Verkauf des Hauses in Skovsbostrand Brechts ständiger Wohnsitz aufgelöst sei. Die Reichspolizei jedoch merkt auf dem Brief aus Svendborg mit Bleistift an: „Die Betroffenen haben ja Dänemark verlassen, aber aus taktischen Gründen ist es vielleicht doch am besten, das Generalkonsulat zu ermächtigen, die erwähnten Bescheinigungen zu verlängern, weil wir sonst sicher die Betroffenen nach Dänemark zurückbekommen.“ Eine höhere Instanz, wohl das Kopenhagener Justizministerium, das zustimmen muss, streicht, ebenfalls mit dem Bleistift, das „vielleicht“ und fügt hinzu: „Einverstanden. Bis sie Wurzeln schlagen.“[23]
 

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         Hamsuns Prozess

Grimstad ist eine dieser kleinen Bilderbuchstädte an Norwegens Riviera: vier Stunden von Oslo, eine nach Kristiansand. Dreitausend Einwohner mag Grimstad heute zählen, achthundert zur Zeit Henrik Ibsens. Weißgestrichene Häuser aus waagerecht oder senkrecht gefügten Balken sind in Grimstad versammelt, nachbarlich verwinkelte Gassen, bucklig und schmal.

Eindringlicher als die Apothekerjahre Henrik Ibsens hat Grimstad die Nachbarschaft eines anderen Großen der norwegischen Literatur erfahren, Knut Hamsun.

Hamsun, Feind Englands, Freund Deutschlands, bleibt guten Glaubens auch Freund der Nationalsozialisten und ihr Anhänger, als sie 1940 Norwegen besetzen. Seine Taubheit und stolze Abkapselung machen es der Familie leicht, Wirklichkeit für Hamsun auszuwählen. Ehefrau Marie rächt sich für das jahrelange Diktat ihres Mannes und genießt Ruhm und Ehre bei den Nazis, den einheimischen und den deutschen. Zwar zwingt der Ruf Hamsuns die Nazis hin und wieder, seine Bitten um gefährdete Landsleute zu erfüllen. Doch sie spannen Hamsun auch ein, der trotzig und stur noch in letzter Stunde, am Tag der Kapitulation, für „Aftenposten“ einen Nachruf auf den toten Hitler schreibt.

Im Juni 1945 geht Hamsun in Arrest, ins Krankenhaus von Grimstad erst, dann ins städtische Altenheim, schließlich in die Osloer Psychiatrie, zur Beobachtung seines Geisteszustands. Die Psychiater geben ihr Bestes, monatelang. Sie erklären Hamsun für geistig gesund, doch seelisch nachhaltig geschwächt. Diese Formel erlaubt Norwegens Oberstem Ankläger, auf eine Verfolgung Hamsuns wegen Landesverrats zu verzichten. Unberührt bleiben die materiellen Forderungen des Staates. Wie das Hab und Gut aller Nationalsozialisten soll auch das Vermögen des Dichters für die Schäden der Besatzungszeit haften.

So folgt der jahrelangen Entwürdigung in Psychiatrie und Altersheim das Urteil. Im Obergeschoss eines Backsteinbaus an der Storgaten von Grimstad tritt im Dezember 1947 das Schöffengericht zusammen, um die Zahlungen Hamsuns festzusetzen. Achtundachtzig ist Hamsun, stocktaub, nahezu blind. Das Gericht ist zu dritt, zwei Schöffen, Hofbesitzer aus der Gegend, und ein junger Assessor.

Die Verhandlung läuft korrekt, soweit jene Zeit der Abrechnung Fairness und Objektivität erlaubt. Hamsun wird verurteilt - gegen die Stimme des Assessors. Der kann keinen Beweis finden, dass Hamsun Mitglied der Nationalsozialisten gewesen sei - was Voraussetzung ist für die Pflicht zur Entschädigung. Die beiden Schöffen hingegen haben keine Bedenken. Ihr Urteil lautet auf Zahlung. Dass Nørholm, Wohnsitz Hamsuns am Rande Grimstads,der Familie erhalten bleibt, ist Hamsuns Lesern zu danken.[24]
 

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         Nachbarschaft in Raum und Zeit

In den beiden großen Kriegen des 20. Jahrhunderts hat Europa sich ausgeblutet und erschöpft. Beide Kriege begannen als innereuropäische Bürgerkriege und endeten mit dem Verlust der kontinentalen Dimension Europas. Mit dem Zusammenbruch der Vielvölkerstaaten der Habsburger und der Osmanen im Ersten Krieg und mit Völkermord, Vertreibung und Flucht im und nach dem Zweiten Krieg hatte Europa ein jahrhundertealtes kulturelles, gesellschaftliches und politisches Erbe verspielt, das mit dem Vorstoß der sowjetischen Armee bis an die Elbe vollends aus dem kollektiven Gedächtnis Westeuropas verschwand. Ostmitteleuropa, der zentrale Raum unseres Kontinents von Karelien bis zur Bukowina, war für den Westen zu terra incognita geworden.

Ein ganzes Jahrhundert musste vergehen, ehe die alten Worte und Werte von Nachbarschaft und Region wieder Leben gewinnen. Polen und Deutsche, Polen und Litauer, Deutsche und Litauer, Polen und Ukrainer, Finnen, Esten, Letten auf der einen, Russen auf der anderen Seite, Finnen und Schweden und wer auch immer, haben sich nicht stets gehasst. Lange haben sie in erträglicher Nachbarschaft gelebt, durcheinander, miteinander in vielfältig verwobener Mischpoke. Wieviele Brandopfer und Ruinen mussten wir sehen, in wievielen schwer passierbaren Grenzen uns wiederfinden, bevor wir nun und erneut lernen und lernen müssen, in Nachbarschaft zu leben, mit allen Unterschieden und miteinander, so wie unsere Vorfahren miteinander lebten.

Solche Nachbarschaft kennen heißt ihre Vergangenheit kennen. Jeder Bewohner eines Territoriums ist der materiellen und geistigen Kultur ausgesetzt, die seinem Gebiet innewohnt, und er wird von ihr geprägt. Kein Krieg kann dieses Gedächtnis zerstören. Erst wenn die Menschen, wo auch immer, das Gedächtnis ihrer Region mit ihren Biografien verbinden, werden sie Wurzeln schlagen, sich niederlassen, sich sicher und zu Hause fühlen und Heimat begründen. Erst dann werden sie Selbst-Bewusstsein, Identität gewinnen. Ökonomische Orientierungen können schnell wechseln. Aber es dauert, ehe das Gedächtnis einer Region zur Symbiose findet mit dem Leben ihrer Bewohner.
 

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Das Neue kommt von den Rändern. Das gilt auch für den aufregenden Roman, den Olga Tokarczuk 1999 vorgelegt hat: „Taghaus Nachthaus“, „Dom dzienny, dom nocny“, deutsch erschienen 2001. Frau Tokarczuk, geboren 1962, lebt, nach Verlagsauskunft, „im polnischen Grenzgebiet“. Dort am Rande, an der Grenze Schlesiens zu Böhmen, liegt das winzige Nest, über dem sich Geschichte und Geschichten von Menschen und Dingen zu Zeit und Raum verdichten, aus denen ein Stück europäische Mitte wächst, Europa zentral.

Mit dem niederschlesischen Dorf, in dem sich regelmäßig das Wasser von den böhmischen Bergen sammelt, rückt uns Niedamirów vor Augen, das deutsche Kunzendorf, im Südosten des Riesengebirges, wo die Wege sich in den letzten Höfen und Wiesen verlaufen. Dort haben heute Beata Justa, ihre Familie und ihre Freunde einen von den Deutschen verlassenen Hof zum Haus der drei Kulturen erhoben, zum Ort der Grenzgänger aus den Nachbarschaften Tschechiens, Deutschlands und Polens.

So wie die Leute von „Parada“ im früheren Kunzendorf ungehemmt und utopisch zwischen Weltbürgertum und Randleben suchen, so setzt der Roman um die Menschen von Pietno historische Zeichen jenseits von Schuld und Recht. Unbefangen prüft die Erzählerin ihren Ort inmitten böhmisch-schlesisch-preussisch-österreichisch-polnischer Erinnerung, schwankend zwischen dem Taghaus selbstbewusster Verankerung in Zeit und Raum und einem Nachthaus bedrohlichen Lebens zwischen den Zeiten.

Die polnische Obrigkeit teilt Dörfer und Häuser zu. Den ganzen Sommer über leben sie miteinander, Polen und Deutsche. Die Männer bauen gleich den Destillierapparat, hocken vor dem Haus, erörtern die Maschinen, wissen aber nicht, wie sie funktionieren. Die Frauen beobachten die Gewohnheiten der anderen und lernen deren verhasste Sprache, ohne es zu wollen. Solange die Deutschen da sind, brauchen die Polen nicht zu arbeiten. „Sie gaben den Deutschen, was ihnen gebührte, sie waren ja schließlich nicht aus eigener Schuld hier, es war nicht ihre Idee gewesen, ihre weiten Felder im Osten aufzugeben und zwei Monate land hierherzuzockeln. Sie hatten nicht um diese fremden Steinhäuser gebeten.“

Im Herbst kommt die Obrigkeit wieder, diesmal zu den deutschen Frauen, und schickt sie auf die Abreise. Frau Bobol gibt den Deutschen Speck und freut sich, dass sie jetzt ein Zimmer mehr hatten. Die alte Frau will aber nicht gehen:
„Sie ging zurück in die Küche und griff nach einer Porzellanschüssel. Bobol, der schon angetrunken war, versuchte, ihr die Schüssel zu entreißen. Sie rangen eine Zeitlang, bis die weißen Haare der Alten ganz zerzaust waren, und plötzlich, zum ersten Mal in all den Monaten, schrie sie etwas. Sie lief vor das Haus hinaus und schrie, wobei sie die Faust gen Himmel schüttelte.
,Was hat sie gesagt? Was brüllt sie da?‘ fragte Bobol nach, aber die Obrigkeit wollte es ihm nicht sagen.
Erst als die Deutschen hinter den Hügeln verschwunden waren, kam die Obrigkeit zurück, um ihnen zu sagen, dass ihr Dorf nicht mehr Einsiedler hieß, sondern Pietno. Bobol erfuhr bei der Gelegenheit auch, dass die alte Deutsche ihn verflucht hatte.
,Sie hat dich verflucht, hat dir einen Haufen Dummheiten an den Kopf geworfen, die Erde soll dir nichts hervorbringen, du sollst allein auf der Welt bleiben, keine Krankheit soll dich verschonen, die Tiere sollen dir verenden, die Bäume keine Früchte tragen, deine Wiesen verbrennen und deine Felder überschwemmt werden. Das hat sie geschrieen‘, sagte die Obrigkeit. ,Aber nur ein Dummkopf wird sich so etwas zu Herzen nehmen.‘“[25]

Der Roman der Olga Tokarczuk stellt polnisch-deutsche Nachbarschaft auf die Füße, unverkrampft und unverklärt, schafft selbstbewusste Sicherheit, und das ist es, was Literatur zu europäischen Landschaften beitragen kann, die mühsam sich zusammenfinden.
 

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Geschichte, schreibt Voltaire, öffnet manchmal, duch einen Zufall, einen einzigartigen Spalt in die Zukunft. Zwängen wir uns hindurch!
 

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Dietmar Albrecht, "Grenzerfahrungen. Literaturlandschaft Ostsee im Gedächtnis von Zeit und Raum". Vortrag zum Symposium "Literatur, Grenze, Erinnerungsraum" vom 5. bis 8. September 2002 in Poberow. Zusammenfassung:

"Groß ist die Kraft des Gedächtnisses, das Orten innewohnt, und mit gutem Grund gründet die Kunst des Erinnerns auf sie." Die Vergangenheit überlebt uns, sie ist das Dauernde. Literatur vermittelt sie auf dem Weg der Erinnerung, auf ihrem Weg von der "ars", der Kunst, zur "vis", zur Kraft des Veränderns. Als solche Gedächtnisorte benennt Albrecht das Sommerhaus Thomas Manns über dem Kurischen Haff, die Kaschubei des Günter Grass, die estnischen Topoi des Jaan Kross, die estnisch-finnischen Grenzerfahrungen der Hella Wuolijoki, Vilhelm Mobergs Smaland, das Asyl Brechts in Skovsbostrand oder den Prozessort Hamsuns im norwegischen Grimstad. Kein Krieg, keine Vertreibung können solches Gedächtnis zerstören. Erst wenn die Menschen, wo auch immer, das Gedächtnis ihrer Region mit ihren Biografien verbinden, werden sie Wurzeln schlagen, sich niederlassen, sich sicher und zu Hause fühlen und Heimat begründen. Hierzu kann Literatur verhelfen.



[1] Marcus Tullius Cicero, De finibus bonorum et malorum. Über das höchste Gut und das größte Übel. Übersetzt und hg. von Harald Merklin. Stuttgart: Reclam, 1989 (RUB 8593), Fünftes Buch, S. 395f.
[2] Zum Folgenden Anregungen bei Aleida Assmann, Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München: Beck, 1999.
[3] Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band IV 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991, S. 400.
[4] Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit 1. Unterwegs zu Swann. Frankfurter Ausgabe. Hg. von Luzius Keller. Werke II/1. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 19982 (19941), S. 70.
[5] Op. cit. S. 71.
[6] Johann Gottfried Herder, Briefe zu Beförderung der Humanität. Werke in zehn Bänden. Hg. von Martin Bollacher u. a. Band 7. Hg. von Hans Dietrich Irmscher. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag, 1991, S. 530.
[7] Zitiert von Aleida Assmann, op. cit. S. 165.
[8] Uwe Johnson, Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1970-1983. Band 1 (1970), S. 63f.
[9] Bernd Neumann, Uwe Johnson. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 1994, S. 711.
[10] Heinrich Heine, Jehuda Ben Halevy. In: Romanzero. Drittes Buch. Hebräische Melodien. Werke und Briefe in zehn Bänden. Hg. von Hans Kaufmann. Band 2. Berlin und Weimar: Aufbau, 19803, S. 130f.
[11] Günter Grass, Die Blechtrommel. Roman (1959). Werkausgabe hg. von Volker Neuhaus und Daniela Hermes. Göttingen: Steidl, 1997, Band 3, hg. von Volker Neuhaus, S. 520.
[12] Günter Grass im Gespräch mit Heinrich Vormweg 1985. In: Heinrich Vormweg, Günter Grass mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 3., ergänzte und aktualisierte Auflage 1996 (19861, rowohlts monographien 359), S. 46.
[13] Günter Grass, Rückblick auf die Blechtrommel - oder Der Autor als fragwürdiger Zeuge. Ein Versuch in eigener Sache. Beitrag zur WDR-Sendereihe „Wie ich anfing“, gesendet am 16.12.1973. In: Essays und Reden II 1970-1979, hg. von Daniela Hermes, Werkausgabe Band 15. Göttingen: Steidl, 1997, S. 323-332, hier S. 331.
[14] Günter Grass, Die Blechtrommel (1959) op. cit. S. 547.
[15] Werner Bergengruen, Der Rittmeister erzählt. In: Schnaps mit Sakuska. Baltisches Lesebuch. Hg. von N. Luise Hackelsberger. Zürich: Arche, 1986, S. 407.
[16] Nach den biografischen Angaben bei Jaan Kross - Leben und Werk, in „Baltica“, Heft 1 Frühjahr 1995, S. 3-6, und Jaan Kross, Autobiographie, in „Baltica“, Heft 3 Herbst 1997, S. 2-9.
[17] Die biografischen Angaben folgen Hella Wuolijoki, Und ich war nicht Gefangene. Memoiren und Skizzen. Hg. von Richard Semrau. Aus dem Finnischen von Regine Pirschel. Rostock: Hinstorff, 1987 (Auswahl aus den finnischen Erstausgaben „Yliopistovuodet Helsingässa 1904-1908“ [„Universitätsjahre in Helsinki“]1945, „Minusta tuli liikenainen eli valkoinen varis“1953 und „Enkä ollut vanki“[„Und ich war nicht Gefangene“] 1944 samt Briefen aus dem Staatsarchiv Helsinki) sowie Manfred Peter Hein, Leben und Werk der Hella Wuolijoki. In: Mitteilungen aus der Deutschen Bibliothek Helsinki 9 (1975), S. 43-77. Auch in: Trajekt 3, 1983, S. 162-186.
[18] Söja laul. Das estnische Kriegslied. Zusammengestellt und mit Hilfe von Bertolt Brecht und Margarete Steffin ins Deutsche übertragen von Hella Wuolijoki. Estnisch und deutsch. Hg. und kommentiert von Hans Peter Neureuter, Ruth Mirov und Ülo Tedre. Stuttgart: Klett-Cotta, 1984 (Trajekt 18).
[19] Ende 1940. Söja laul, a.a.O. S. 97.
[20] Beatrice von Matt, Reise zu einem ungekrönten König. Gespräch mit dem estnischen Schriftsteller Jaan Kross. In: Neue Zürcher Zeitung, 8. Dezember 1997, S. 23.
[21] Willy Dähnhardt und Birgit S. Nielsen, Dänemark als Asylland. In: Exil in Dänemark. Deutschsprachige Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller im dänischen Exil nach 1933. Hg. von Willy Dähnhardt und Birgit S. Nielsen. Heide: Boyens, 1993 (nach der dänischen Vorlage von Steffen Steffensen „Paa flugt fra nazismen. Tysksprogede emigranter i Danmark efter 1933“. Kopenhagen: Reitzel, zweite revidierte Auflage 1987 [19861]), S. 14-54, hier S. 17-19.
[22] Walter Benjamin, Aufzeichnungen 1933-1939. In: Gesammelte Schriften. Hg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt am Main: Suhrkamp, erste Auflage 1974-1985, Band VI (1985), S. 520-542, hier S. 526.
[23] Hans Christian Nörregaard, Bertolt Brecht und Dänemark. In: Exil in Dänemark op. cit. S. 405-462, hier S. 414.
[24] Vgl. Knut Hamsun, Auf überwachsenen Pfaden. Ein Tagebuch. Aus dem Norwegischen von Elisabeth Ihle. München: List, 1950 (erste, norwegische Ausgabe „Paa giengrodde Stier” 1949). Thorkild Hansen, Der Hamsun Prozeß. Aus dem Dänischen von U. Leippe und M. Wesemann. Hamburg: Knaus, 1979 (erste, dänische Ausgabe „Processen mod Hamsun” 1978). Tore Hamsun, Knut Hamsun mein Vater. Aus dem Norwegischen von Werner von Grünau. München: List, 1953 (erste, norwegische Ausgabe „Knut Hamsun min Far” 1953; erste deutsche Ausgabe „Mein Vater”. Aus dem Norwegischen von Elisabeth Ihle und Dannis Sandberg. Leipzig: List, 1940).
[25] Olga Tokarczuk, Taghaus Nachthaus. Roman. Stuttgart und München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2001, S. 254-256.