Startseite

Johannes Bobrowski

Zeitschrift für Germanistik Neue Folge 3 (2004), S. 619f.
Konferenzbericht

Unverschmerzt. Johannes Bobrowski - Leben und Werk
Internationale Konferenz in Berlin vom 7. bis 9. November 2003

Ins Literarische Colloquium Berlin, den Ort, an welchem dem Dichter Johannes Bobrowski im Jahr 1962, drei Jahre vor seinem Tod, der Preis der Gruppe 47 verliehen wurde, hatten die Johannes- Bobrowski-Gesellschaft aus Berlin, die Academia Baltica aus Lübeck sowie das Institut für Germanistik der Universität Potsdam eingeladen. Es waren rund 100 Teilnehmer aus neun Ländern angereist, um sich die knapp 30 Vorträge anzuhören und über sie zu diskutieren. Aufgabe der Konferenz war es, die Aktualität und Brisanz des Werkes von Bobrowski hinsichtlich des von ihm immer wieder thematisierten Verhältnisses zu Osteuropa und der für sein Werk spezifischen „Erinnerungsarbeit“ auszuloten. Mit dieser Themenstellung reiht sich die Konferenz in die aktuelle Thematisierung von Fragen nach der Positionierung der Literatur in öffentlicher Erinnerung und kollektivem und kulturellem Gedächtnis ein. Während am ersten und letzten Tag der Konferenz die Veranstaltungen jeweils im großen Plenum stattfanden, wurden die Vorträge am zweiten Tag in zwei Sektionen - Lyrik und Prosa - unterteilt, die zeitlich parallel verliefen.Durch diese Konzeption wurde eine sehr vielschichtige Untersuchung des Werkes möglich, die zu einer hohen inhaltlichen Dichte beitrug.

STEFANIE RENTSCH (Berlin) (Bildbeschreibungen im Prosawerk Bobrowskis) legte dar, wie in den Texten Litauische Claviem und Betrachtung eines Bildes Bilder als „Gedenkzeichen“ fungieren und wie sich dort Text und Bild als „Speichermedien“ von Erinnerung wechselseitig ergänzen. Beschäftigte Rentsch sich mit der literarischen Repräsentation der Wahrnehmungen von Bildender Kunst, so untersuchte ANDREAS DEGEN (Berlin, Memel/Klaipeda) (Poetik der Vergegenwärtigung in der Prosa Bobrowskis) die literarische Artikulation von Sinneswahrnehmungen und zeigte, wie in den für BobrowskisWerk typischen „Erinnerungsbildern“ Vergangenheit einerseits durch Sinneswahrnehmungen vergegenwärtigt wird, wie die historische Imagination sich andererseits immer wieder als durch literarische Vorlagen vermittelt zu erkennen gibt. Es folgte eine Diskussion, inwiefern man, wenn denn Erinnerung über die sinnliche Wahrnehmung, insbesondere von Landschaften, aktualisiert werde, davon sprechen könne, dass Landschaften Erinnerungen eingeschrieben seien, d. h. ob es ein Gruppen und Nationalitäten übergreifendes Gedächtnis gibt, das eine gemeinsame ortsgebundene Wurzel besitzt. Thematisch schloss an diesem Punkt KRYSZTOF LIPINSKI (Krakau) an, der ausführte,wie auch in den Künstler- und Portraitgedichten Landschaften eine „moralisch-ontologisch organisierende Funktion“ zukomme. Insbesondere Sarmatien werde dort als „Erinnerungsraum“ imaginiert.

SABINE EGGERS (Limerick) las die Lyrik Bobrowskis als „literarische Form des Fremdverstehens“, betonte aber auch die Problematik der Beschäftigung Bobrowskis mit der gemeinsamen Geschichte von Deutschen und Osteuropäern. Die deutschen Täter seien - so ihre strukturelle Analyse - durchweg männlich, die osteuropäischen Opfer weiblich markiert. Die Beziehung zwischen Tätern und Opfern werde somit aus dem Geschichtlichen ins Mythologische verschoben, das „mythisch-weiblich“ konnotierte Opferbild dadurch idealisiert.

Was in einigen der folgenden Vorträge jedoch verwunderte, war das unproblematisierte Ineinssetzen von ästhetischer Qualität der Werke und ethischem Anspruch des Autors. So sprach man Bobrowski eine „moralische und dichterische Haltung“ zu, sein Werk wurde als „Parteinahme für Eintracht und Toleranz“ bezeichnet, und es war die Rede von „tätiger Humanität“ und „unbestechlicher Menschlichkeit“. Nun ist bekannt, dass Bobrowski sich immer wieder durch den Verweis auf seine guten Absichten vor der DDR-Kulturpolitik zu schützen wusste; es ist jedoch fraglich, ob man durch diese recht einfachen Formen des Moralisierens seinem vielschichtigen Werk heute noch einen Gefallen erweist.

Im weiteren Verlauf beschäftigte sich die Konferenz mit zwei deutlich unterschiedenen Analyseebenen: Neben einer Reihe von Vorträgen zur Rezeptionsgeschichte,vor allem in Osteuropa, aber auch zu Bobrowski in der Sicht der Vertriebenenverbände (RAFAL ZYTYNIEC, Frankfurt/O.), gab es auch textimmanente Untersuchungen. Am konsequentesten in dieser Hinsicht war TOMAS TATERKA (Riga), der große Resonanz mit seiner Interpretation der Erzählung Mäusefest erzielte. Er wies auf den künstlerisch-literarischen Charakter der Erzählung hin (er zitierte Hans Mayers Ansicht, es handele sich aufgrund der poetischen Dichte eigentlich um ein Gedicht) und zeigte, methodisch an Roman Jakobsons Auffassung orientiert,dass poetische Werke grundsätzlich autoreferentiell verfasst sind, welch fein verästeltes System von Parallelismen und Oppositionen alle Ebenen des Textes durchzieht. Die Sensibilität für Details und das fast schon mimetische Nachspüren von Bewegungen des Textes beeindruckte, obwohl Taterka an einem Punkt abbrach, an dem noch unklar war, welche Schlussfolgerungen aus seiner Interpretation zu ziehen sind und wie sich diese Interpretation zu der Interpretationsgeschichte der Erzählung verhält.

Diese Brücke zwischen Werkanalyse und Rezeptionsgeschichte wurde leider auf der Konferenz im Ganzen nicht geschlagen. So erfreulich es war, dass sich die Konferenz weder auf sozialgeschichtliche Enstehungs- und Rezeptionsgeschichte noch auf die Hermeneutik einzelner Werke einseitig festlegte, sondern beide Themenkornplexe gleichermaßen berücksichtigte, so deutlich machte das relativ unverbundene Nebeneinanderstehen der beiden Richtungen aber auch, dass die Zusammenführung beider Analyseebenen ein Desiderat der Bobrowski-Forschung bleibt.

Nina J. Haering

Tim Reiß