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Deutsche und Polen

Dietmar Albrecht

Wege aus einer belasteten Vergangenheit.
Deutsch-polnische Annäherung seit der Wende

Einführung zum Seminar „Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen.
Lokale und regionale Initiativen“
Malente 28. - 30. 3. 2003

Europa hat andere Sorgen. In diesen Tagen führt der Krieg im Irak der europäischen ebenso wie der atlantischen Staatengemeinschaft bedohliche und vielleicht sogar selbstzerstörerische Versäumnisse und Fehler vor Augen. Lehren aus dem Einsatz gegen Vertreibung und Völkermord auf dem Balkan und aus dem Angriff auf die USA vom 11. September 2001 wurden von den Europäern kaum oder gar nicht gezogen. Da scheint niemand die vorausgegangenen umstürzenden Änderungen in der politischen Konstellation Europas feiern zu wollen. Am 16. März 1999 wurden Polen, Tschechien und Ungarn ins westliche Verteidigungsbündnis aufgenommen. In diesen Tagen folgten Estland, Lettland, Litauen, die Slowakei, Slowenien, Rumänien und Bulgarien. Die heftige Kritik in der amerikanischen Presse und die kaum verhüllten Drohungen Russlands gegenüber jenem einschneidenden Wandel in der Machtkonstellation des Kontinents liegen kaum ein paar Jahre zurück.

Heute mag über die Erweiterung der NATO niemand mehr streiten. Manöver deutscher Panzereinheiten auf hinterpommerschen Übungsplätzen, deutsche Uniformen in Schlesien oder Masowien, polnische Offiziere auf der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, ein deutsch-polnisch-dänisches Korps mit Sitz in Stettin sind für Kriegs- und Nachkriegsjahrgänge in Polen und Deutschland staunend akzeptierter Alltag. Sind wir Deutsche uns dieses radikalen Wandels in der Mitte Europas bewusst? Nicht mehr Frontstaat zu sein, Brennpunkt eines waffenstarrenden Status quo, sondern inmitten eines Bündnisses geborgen, dessen Grenzen hunderte Kilometer nach Osten gerückt sind. Wir jammern über die Auflösung von Standorten und Waffenlagern der Bundeswehr und unserer Verbündeten und müssten doch jubeln, dass an der deutsch-dänischen Grenze keine Atomsprengköpfe mehr lagern, deren Ziele vor Kappeln oder Eckernförde liegen. Auch dies sind Dimensionen der Einigung Europas.

Oder waren es solche? Heute stehen polnische Soldaten auf Seiten der Amerikaner im Irak, während die deutsche Regierung ihren einzig mächtigen Verbündeten und Freund verprellt – in einer Mischung von Tolpatschigkeit, egoistischem Kalkül und Vermessenheit. Wissen unsere Nachbarn im Osten Mitteleuropas nicht besser als wir um Verletzungen des Völkerrechts, der Selbstbestimmung und der Menschenwürde? Wir wollen sie Mores lehren? Wem denn haben die Deutschen ihre Befreiung von einer menschenverachtenden und mörderischen Diktatur und die Wiedererringung ihrer Einheit zu danken? Vergessen wir die Interventionen Frankreichs in Schwarzafrika, Russlands in Tschetschenien, die Gasangriffe des Irak in Kurdistan und im Iran?

Wo finden wir das diplomatische Gespür und Geschick in Deutschland, den Scherbenhaufen in Europa und im Bündnis zu kitten? Wohl nur unser Geld wird uns helfen. Und das Interesse Polens und der baltischen Staaten an einem verlässlichen und berechenbaren Partner Deutschland, der auf bestem Wege war, zum Freund zu werden.

Was waren und sind die Gründe für die Erweiterung der NATO? Zunächst einmal wollten die Kandidatenländer ganz einfach Schutz finden. Strategische Erwägungen des „Westens“ spielten eine eher geringere Rolle: Polen als historische Heerstraße zwischen Westeuropa und Russland, Ungarn als Riegel vor dem von Kriegswirren heimgesuchten Balkan.

Die Bewertung der neuen Mitglieder galt weniger der aktuellen Leistungsfähigkeit. Sie galt dem Grad der inneren Festigkeit und der aus ihr folgenden Perspektive. Der in Kategorien moderner Militärtechnik zu erzielende Gewinn war minimal. Schwerer wogen die politischen Urteile, der Zugewinn für eine Gemeinschaft von Staaten und Bürgern, die sich auf gemeinsame Vorstellungen von Menschenrechten und Menschenwürde, von Vielfalt, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung gründet. Dies schloss die Aufnahme der Slowakei vor vier Jahren noch aus, obschon ihr Beitritt die Bündnisgrenze passabel gerundet hätte.

Alle Länder Zwischeneuropas von Finnland bis zum Schwarzen Meer – Estland, Lettland, Litauen, die Slowakei und Slowenien, Rumänien und Bulgarien – drängen unter den militärischen wie unter den wirtschaftlichen und politischen Schirm. Sie alle sind gebrannte Kinder aus Russlands einstigem Machtbereich, mit der Ausnahme Sloweniens, das die etwas erträglichere jugoslawische Diktatur hinter sich hat. Daher ihr großes Bedürfnis nach militärischer Sicherheit und politischer und wirtschaftlicher Stabilität.

Die jüngsten Entwicklungen in der Nachbarschaft Polens und Ungarns helfen kaum, die Bürger Zwischeneuropas zu beruhigen. Die Ukraine ist von inneren Skandalen erschüttert und gerät in neue wirtschaftliche und militärische Abhängigkeit von Russland. Weissrussland konserviert die Strukturen der Sowjetunion. Im bitterarm gewordenen Moldawien regieren die Kommunisten und folgen neuer Orientierung an Russland. Beide, Polen und Ungarn, kennen sich recht gut in ihren früheren Ostgebieten aus, in denen allerorten auch Deutsche gesiedelt haben, zwischen Grodno, Minsk und Brody, zwischen Lemberg und Tschernowitz, zwischen Ushgorod und Hermannstadt, in Wolhynien, Podolien, Galizien und Bessarabien. Dort drohen Europas Konflikte der Zukunft. Die in der Vojvodina, in Bosnien, der Herzegovina, im Kosovo und in Mazedonien kennen wir schon.

Im Kaukasus beruhigen wir uns mit der Zuständigkeit Russlands und russischen Zuständen. Soll diese Ruhe auch im Osten Mitteleuropas gelten? Die Königsberger Oblast und ihre Transitwege durch Litauen ebenso wie die russischen Minderheiten in Lettland und Estland und die Routen russischer Exporte nach Tallinn, Libau, Windau könnten sehr rasch für russische Interventionen herhalten.

Das Unbehagen in der Nachbarschaft Ostmitteleuropas ist allgemein. Putins Russland scheint jahrhundertelang begangene Fehler zu wiederholen. Es konzentriert seine Energien nicht auf die Überwindung seiner tausend inneren Schwächen, sondern auf die Rückgewinnung seines imperialen Prestiges. Grossmächte zeichnen sich selten durch Verständnis für die Denkweise kleiner Nationen aus. Russland geht diese Fähigkeit in besonderem Maße ab. Deutschland, die Bundesrepublik, hat seine allmähliche Rückkehr in die Gemeinschaft der europäischen Völker nach dem Zweiten Krieg ermöglicht, weil es seine Nachbarn und namentlich die kleineren unter ihnen von der tiefgreifenden Änderung deutschen Verhaltens und deutschen Selbstverständnisses überzeugte.

Soweit die eher klassische, sicherheitspolitische Einbettung des deutsch-polnischen Verhältnisses seit der Wende, die Einbettung in eine Sicherheit von oben. Bedeutsamer für unsere Arbeit scheint mir allerdings eine Sicherheit „von unten”.

Es heißt, die materiellen Bedingungen der Produktion bildeten die Basis gesellschaftlicher Entwicklung. Das Bewusstsein der Menschen, ihre Kultur und ihr gesellschaftlicher Umgang sind nach dieser Lehre abhängig von der Entwicklung der Ökonomie. Was wir seit der Wende im Osten erleben, stellt diesen Marx auf den Kopf. Denn während die wirtschaftlichen Strukturen zusammenbrachen, erlebte der Osten Europas seine kulturelle und politische Renaissance.

Am Ende eines schrecklichen Jahrhunderts erkennen wir verwundert, dass das Leben in Regionen und Nachbarschaften Europas älter, beständiger, natürlicher ist als das Leben in einer exklusiven Nation. Europäisierung und Globalisierung lehren uns, dass ein neugieriger, schöpferischer, innovativer und produktiver Mensch in kultureller Autarkie nicht bestehen kann. Er braucht die kulturelle Vielfalt eines Lebens in Nachbarschaft. Unsere Nachbarschaft zu Polen ist uns Probe aufs Exempel.

In den wunden Territorien des vergangenen Jahrhunderts entdecken die Menschen ihre eigene und besondere Identität. Die nach dem zweiten Krieg Heimat verloren und sich neu gewannen, entdecken das Gedächtnis der Region, in der sie heute leben - in der Bukowina und im Zipserland, in Lemberg und in Brody, in Wolhynien und in Podolien, in Wilna und im „Tal der Issa“, und - uns eng verbunden - in Schlesien, im Preußenland, in Pommern.

Denn einen Ort kennen heißt seine Vergangenheit kennen. Jeder Bewohner eines Territoriums ist der materiellen und geistigen Kultur ausgesetzt, die seinem Gebiet innewohnt, und er wird von ihr geprägt. Kein Krieg kann dieses Gedächtnis zerstören. Erst wenn die Menschen, wo auch immer, das Gedächtnis ihrer Region mit ihren Biografien verbinden, werden sie Wurzeln schlagen, sich niederlassen, sich sicher und zu Hause fühlen und Heimat begründen.

Sind die Menschen sich ihrer selbst und ihrer Heimat bewusst, so werden sie ihre eigenen Möglichkeiten erkennen und ihrer Fähigkeit vertrauen, ihre Welt und Umwelt selbst zu gestalten, Demokratie vor Ort aufzubauen, sich selbst zu verwalten und zu politischen und wirtschaftlichen Subjekten werden. Sie werden Gespür für die Welt ringsum gewinnen und neue Formen überschaubarer Sicherheit schaffen. Solche Sicherheit erst ist die Voraussetzung für schöpferische Initiative, wirtschaftlichen Aufbau und Wohlstand obendrein.

Die Sicherheit im Gedächtnis von Zeit und Raum ist lebenswichtig für die Menschen im Westen und im Norden Polens. Statt der Konfrontation finden sie endlich Geborgenheit, Ruhe, nachbarschaftliche Begegnung. Auch der Friede zwischen Deutschland und Polen hängt davon ab, ob solche Sicherheit siegen wird über die erneuerten Nationalismen von rechts oder links.

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Finden wir solche Sicherheit im Gedächtnis von Zeit und Raum, eine solche Bewusstwerdung in der Region, ein solches Netzwerk des Miteinander in Polen und besonders - lebenswichtig für beide, Deutsche wie Polen - in jenen Gebieten, deren Menschen ausgewechselt wurden? Meine Antwort stützt sich auf Erfahrungen der Ostsee-Akademie und ihrer Nachfolgerin, der Academia Baltica; sie liegen mir nahe.

Die Ostsee-Akademie bezog seit Beginn ihrer Tätigkeit 1988 den Löwenanteil ihrer Mittel aus dem Etat des Bundesinnenministeriums, dessen zuständiger Titel heute lautet „Beitrag der Vertriebenen zur Verständigung der Deutschen mit ihren Nachbarn im Osten”. Getragen von einer Vertriebenenorganisation, der Pommerschen Landsmannschaft, aber ohne von ihr finanziert zu werden, hat die Akademie aus diesem Titel eine Fülle von Projekten leisten können: Begegnungen von Politikern, Wissenschaftlern, Bürgern unterschiedlichster Berufe und Biografien, Begegnungen in Travemünde und in Polen. Erkennbar organisierte deutsche Vertriebene haben kaum, Funktionsträger der Pommerschen Landsmannschaft oder übriger deutscher Vertriebenenorganisationen selten oder garnicht an diesen Begegnungen teilgenommen.

Herausragendes wissenschaftliches und dokumentarisches Ereignis in diesem Prozess gemeinsamer Bewusstwerdung ist die deutsch-polnische Dokumentation „Stettin 1945/1946”, die das Historische Institut der Stettiner Universität gemeinsam mit der Óstsee-Akademie 1994 vorgelegt hat. Ich erinnere, wie dünn das Eis war, auf dem wir uns vorantasteten, dünner noch zwischen Akademie und Landsmannschaft und zwischen Deutschen West und Ost als zwischen der Akademie und den Stettiner Kollegen.[1]

Ein weiteres Ergebnis ähnlicher, wenn auch nicht gleich brisanter Selbstfindung ist das Sammelwerk „Kaschubisch- Pommersche Heimat”, „Mała Ojczyzna Kaszubów”, das im Jahr 2000 in Danzig erschien: etwas arg kopflastig, nicht die von uns beabsichtigte populär zu lesende Enzyklopädie, doch immerhin seit hundert Jahren das erste Nachschlagewerk zur Kaschubei und obendrein von Polen und Deutschen gemeinsam und in beiden Sprachen verfasst.[2]

Wie sehr der Erinnerungsort Preußenland sich den heutigen Bewohnern verbindet, zeigen die Übersetzungen der „Wege nach Sarmatien“, 1995 in deutscher Sprache vorgelegt, in die Sprachen der heutigen Bewohner dieses Preußenlands zwischen Danzig und Memel, Rauschen und Lyck: 1998 ins Litauische, 2000 ins Russische, 2003 ins Polnische. Die litauische und russische Übertragung waren bin kurzem vergriffen, so wie auch die deutsche Fassung seit längerem antiquarisch gesucht wird.[3]

Ein erstaunlicherweise immer noch avantgardistischer Beitrag zu deutsch-polnischer Selbstfindung sind die Seminare zur „Nachbarschaft in Pommern”, die unser Studienleiter und stellvertretender Akademieleiter Christian Pletzing, selbst junger Historiker und des Polnischen kundig, in Zusammenarbeit mit den Heimatkreisorganisationen der Landsmannschaft und den polnischen Partnern vor Ort vorbereitet und durchgeführt hat und weiter durchführt: in Greifenhagen/Gryfino, Naugard/Nowogard, Bütow/Bytów, Kolberg/Kołobrzeg, Stolp/Słupsk, Pyritz/Pyrzyce, Stuhm/Sztum und in diesem Jahr in Lippehne/Lipiany. Ich erinnere die Überraschung unserer polnischen Partner, als ihnen bei den ersten Gesprächen ein derart junger, sympathischer und obendrein des Polnischen kundiger Deutscher gegenübertrat, und ich zitiere sein Resumée:


 


[1] Ostsee-Akademie Lübeck-Travemünde / Instytut Historii Uniwersytetu Szczecińskiego, Stettin/Szczecin 1945-1946. Dokumente - Erinnerungen / Dokumenty - Wspomnienia. Rostock: Hinstorff, 19952 (19941).
[2] Pomorze – Mała Ojczyzna Kaszubów. Historia i współczesność. Kaschubisch-Pommersche Heimat. Geschichte und Gegenwart. Redakcja/Redaktion Józef Borzyszkowski und Dietmar Albrecht. Gdańsk/Danzig-Lübeck/Lubeka: Zrzeszenie Kaszubsko-Pomorskie Instytut Kaszubski, Ostsee-Akademie, 2000.
[3] Dietmar Albrecht, Wege nach Sarmatien. Zehn Tage Preußenland. Orte, Texte, Zeichen. Lüneburg: Institut Nordostdeutsches Kulturwerk, 1995, S. 271-294. Übertragung ins Litauische von Osvaldas Aleksa „Keliai į Sarmatiją. Dešimt dienų Prūsijoje, Vietos, tekstai, ženklai“. Vilnius: Baltos Lankos, 1998; ins Russische von Svetlana Tscherwonnaja „Пути в Сарматию. Десять дней в стране пруссой. Места, тексты, знаки“. Moskau: Progress-Tradicja, 2000; ins Polnische von Henryk Sekulski „Ku Sarmacji. Dziesięć dni w Prusach. Miejsca, teksty, znaki“. Olsztyn: Borussia, 2003.




„Die Vorbereitung der sechs deutsch-polnischen Begegnungen in Hinterpommern war außergewöhnlich aufwendig. Dies ist vor allem auf die Vielzahl der beteiligten Partner und deren unterschiedliche Interessen zurückzuführen. So war etwa im Falle des Naugarder Seminars mit der Stadtverwaltung Naugard und der Kreisverwaltung Gollnow zu verhandeln, im Falle des Seminars in Kolberg arbeiteten Heimatkreis Kolberg und Historischer Arbeitskreis Kolberg eher gegen- als miteinander.

Auffällig war bei allen sechs Seminaren die Homogenität der deutschen Teilnehmer. Da die Heimatkreise als Partner fungierten, gab es so gut wie keinen deutschen Teilnehmer, der noch nicht das Rentenalter erreicht hätte. Vertreter der jüngeren Generation aus Deutschland (unter 35 Jahre) fehlten - mit Ausnahme des Seminarleiters - völlig. Vielfach war es den Heimatkreisen nicht einmal möglich, zwanzig deutsche Teilnehmer für das Seminar zu mobilisieren (z.B. für Greifenhagen und Pyritz). Zu denken gibt, dass dieses Problem auch bei engagierten Heimatkreisvorsitzenden auftrat, die schon ähnliche Seminare veranstaltet hatten und an einem Dialog mit Polen sehr interessiert waren (z.B. im Falle von Greifenhagen und Naugard).

Die polnischen Teilnehmer waren dagegen in Alter, Herkunft und Bildung sehr gemischt. Negativ machte sich allerdings eine starke Fluktuation der polnischen Teilnehmer bemerkbar - manchmal war der Saal überfüllt, manchmal halb leer. Auffallend war auch die relative Passivität der deutschen Minderheiten. Lediglich bei dem Seminar in Bütow trat die deutsche Minderheit eindrucksvoll mit Chor und Tanzgruppe stärker in Erscheinung. In Naugard weigerten sich dagegen die Mitglieder der deutschen Minderheit, den symbolischen Tagungsbeitrag zu entrichten.

Die deutschen Teilnehmer lassen sich ... in drei Gruppen unterteilen. Eine Minderheit ist sehr an Kontakten mit Polen interessiert, pflegt zahlreiche persönliche Bekanntschaften vor Ort und setzt sich z.B. für die Errichtung von Gedenksteinen ein. Dank ihrer Unterstützung war es nur möglich, diese Seminarreihe durchzuführen. Sehr viele Teilnehmer betrachteten die Seminare als einen Besuch in der alten Heimat mit Begleitprogramm. Sie sind gegenüber Polen eher indifferent bis distanziert, zeigten sich jedoch im Laufe der Seminare an der Thematik sehr interessiert. Eine dritte Gruppe sind Teilnehmer mit starken antipolnischen Ressentiments. Diese Gruppe war in Kolberg und vor allem in Pyritz sehr stark vertreten. Sie interessieren sich kaum oder überhaupt nicht für die Gegenwart, da die Geschichte Pommerns für sie 1945 endet. Zentrales Anliegen der Vertreter dieser Gruppe ist es, auf die Unrechtmäßigkeit der Vertreibung hinzuweisen und Eigentumsansprüche einzufordern. In den Seminardiskussionen hielten sie sich auffallend zurück. Vertreter der letzten beiden Gruppen sind in anderen Veranstaltungen der Akademie unterrepräsentiert oder gar nicht vertreten. Insofern ist es gelungen, einen völlig neuen Teilnehmerkreis zu erschließen. Viele polnische Teilnehmer, die hohe Erwartungen in diese Begegnungen setzten, zeigten sich jedoch enttäuscht, als deutsche Teilnehmer lediglich eine „kleine Gruppe verbitterter alter Männer” anzutreffen - so eine polnische Teilnehmerin.

Rechtfertigen die Ergebnisse den Aufwand an Finanzen und Organisation? Für einen Teil der Deutschen sicherlich - sie wurden mit ihnen völlig unbekannten Tatsachen konfrontiert (z.B. mit der Vertreibung der Polen und Ukrainer und dem neuen Verhältnis vieler Polen zur deutschen Geschichte dieser Regionen). Gerade im Falle des Seminars in Pyritz waren deutliche Denkanstöße zu verzeichnen: Teilnehmer, die anfänglich sehr reserviert waren, erklärten am Ende der Veranstaltung, sie seien froh, dabeigewesen zu sein.”

Insgesamt, so das Fazit der Akademie, scheint die Zielgruppe aus dem Bereich der organisierten Vertriebenen für den hohen materiellen und personellen Aufwand bei Vorbereitung und Durchführung dieser Seminare allerdings zu klein. Dennoch: die Mitarbeit derer, die ihrer Herkunft folgend sich ihrer Region widmen, hilft bei regionaler Bewusstwerdung. Doch die heutigen Bewohner dieser Regionen müssen das Engagement jener aufnehmen. Sie, die Heutigen, sind es, die ihre Bürgergesellschaft begründen.

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Die historische Verständigung zwischen Deutschen und Polen „in brüderlichem Dialog“ (Bonhoeffer), ihr partnerschaftliches Miteinander im Gedächtnis von Zeit und Region, die Herausbildung eines transnationalen, grenzübergreifenden regionalen Selbstbewusstseins und einer transnationalen, grenzübergreifenden Bürgergesellschaft („civil society“) könnte und müsste sich Bahn brechen – wenn nur Substanz und Kompetenz bei politisch, kulturell und wissenschaftlich Verantwortlichen reichen würden, in Deutschland wie in Polen. Die Vertriebenenorganisationen haben hier versagt, von rühmenswerten Ausnahmen abgesehen. Im Gegenteil: Stereotypen, Asymmetrien, Ressentiments scheinen sich, beflügelt durch die EU-Kandidatur Polens, unter den organisierten Vertriebenen und hier vor allem bei deren Funktionsträgern zu verstärken. Auch das Schweigen dieser Funktionsträger zu öffentlichen oder internen ressentimentgeladenen oder hasserfüllten Tiraden, ein Schweigen, das die eigene Klientel beisammenhalten soll, macht die Schweigenden unglaubwürdig, verspielt ihre öffentliche Unterstützung und wird Teil eines Nährbodens rechtsextremer Auswüchse. Umgekehrt werden polnischen Beobachtern ähnliche Erscheinungen im eigenen Land nicht fremd sein.

Eine Anekdote ist eher, wie unter den polnischen Kollegen im Redaktionsteam unseres Pommersch-Kaschubischen Heimatbuches folgende Passagen aus meiner Einführung auf heftigen Widerspruch stießen:

In seinen Roman „Tagebuch einer Schnecke“nimmt Günter Grass den Fahrradhändler Anton Stomma aus Karthaus/Kartuzy, geboren im Dreikaiserjahr 1888. Stommas kaschubische Eltern nehmen Höfe in Pacht und wirtschaften sie runter. Da Westpreußen damals preußisch ist, lernt Stomma in der Schule deutsch sprechen, aber kaum lesen und wenig schreiben. Zu Hause spricht man kaschubisch, und polnisch spricht man, wenn Besuch kommt aus Berent/Kościerzyna oder Dirschau/Tczew. Die Preußen nennt Stomma Piefkes. Vor dem Krieg dient er beim Infanterieregiment in Strasburg/Brodnica an der Grenze zu Russisch Polen. Im Weltkrieg verlernt Anton Stomma seinen Preußenhass.

Stommas Tochter lernt in der Schule polnisch sprechen, aber kaum lesen und schreiben. Zu Hause spricht man kaschubisch oder - solange Besuch aus Berent und Dirschau kommt - deutsch. 1940 beantragt Stomma die Eindeutschung. Beim Ausfüllen der Fragebögen, beim Entdecken halbwegs deutschstämmiger Verwandter und bei der Niederschrift seines Lebenslaufes kämpft er um jeden Buchstaben. Langsam lernt Stomma schreiben. Den „Danziger Vorposten“ lesen lernt er nie. Als 1945 den sowjetischen Truppen bald polnische nachrücken, läuft Stomma mit einer roten Armbinde durch Karthaus und wird gefürchtet.

Dieser exemplarische Lebenslauf eines Kaschuben, der zwischen den großen Nationen laviert, fand energischen Widerspruch auf Seiten der polnischen Redakteure unseres kaschubisch-pommerschen Heimatbuches, mochte Grass, den ich zitierte, auch Ehrenbürger Danzigs sein. Und dann noch die rote Armbinde nach 1945...

Es ist ein weiter Weg zu selbstbewusster Integration des Gedächtnisses der heimatlichen Region in die je eigene Biografie. Not tut ein Wechsel der Paradigmen und der Generationen. Das „Vertreibungsthema ist aufgearbeitet“, meinte Bartoszewski am 28. April 1995 vor Bundestag und Bundesrat, und er setzte fünf Jahre später hinzu, das Kriegskapitel sei abgeschlossen[1]. Von Aussöhnung und Verständigung müssen wir voran zu partnerschaftlichem Miteinander auf der Grundlage rationaler Interessengemeinschaft.
 

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„Selig sind die Zeiten, für die der Sternenhimmel die Landkarte der gangbaren und zu gehenden Wege ist und deren Wege das Licht der Sterne erhellt.” Der Ungar Georg Lukács schrieb diese Worte zu Beginn seiner „Theorie des Romans”, im Winter 1914/15, in einer Stimmung der „permanenten Verzweiflung über den Weltzustand”.[2] Wiederum Bartoszewski zitierte Lukács zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Jahr 2000. Jener Sternenhimmel des Philosophen wies zurück in eine vergangene Welt. Realisieren wir, dass seine Wege heute offen vor uns liegen, noch?

Wir müssen, unser Wunsch nach Frieden zwingt uns, überholte Paradigmen und fortlebende Asymmetrien zwischen Deutschen und Polen überwinden. Wir müssen aufbrechen ins Gedächtnis von Zeit und Raum und ein Netzwerk des Miteinander spannen.

Halten wir uns an Stefan den Heiligen, König der Ungarn! Stefan der Heilige und Gisela, die ihm angetraute Schwester des deutschen Kaisers Heinrich des Zweiten, hatten einen Sohn und Thronerben namens Heinrich („Emericus“), für den Stefan gleichsam als politisches Testament seine Regierungsmaxime niederschrieb in einem „Libellus de institutione morum ad Emericum ducem“. Im sechsten Kapitel („De detentione et nutrimendo hospitum“ – Über das Halten und die Pflege von Gästen) rät Stefan zur Aufnahme von Ausländern in Ungarn, weil sie ein Gewinn seien für das Land und den Königshof zieren (que omnia regna ornant et magnificant aulam“). Und der weise Stefan fügte hinzu: „Nam unius lingue uniusque regnum imbecille et fragile est“ - „denn ein Land, das nur in einer Sprache spricht und sich selbst genügt, bleibt töricht und zerbrechlich.“[3]
 

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[1] „Internationale Politik“ Nr. 9 aus 2000, S.11.
[2] Georg Lukács, Die Theorie des Romans. Zweite, um ein Vorwort vermehrte Auflage Neuwied: Luchterhand, 1963 (19201), S. 5f, 22.
[3] Vgl. Harald Zimmermann, Die deutsche Südostsiedlung im Mittelalter. In: Günter Schödl (Hg.), Land an der Donau. Berlin: Siedler, 1995, S. 21-196, hier S. 26 (in der Reihe „Deutsche Geschichte im Osten Europas“ des Siedler-Verlags).