Startseite

Von der „Ostsee-Akademie“ zur „Academia Baltica“

adalbertusforum 8. Jg. Nr. 4, Dezember 2001

Vor einem Jahr, in der Ausgabe Nr. 3-4/2000 des adalbertusforums, wurde auf S. 32 unter PERSONALIEN kurz über die Dispensierung des Akademie-Direktors Dr. Dietmar Albrecht an der Ostsee-Akademie in Lübeck-Travemünde und die in der Öffentlichkeit und Presse diskutierten Vermutungen über die Hintergründe berichtet. Inzwischen konnte der interessierte Beobachter in der Presse und im lnternet verfolgen, wie der Prozess der Zerstörung einer Hoffnung ablief, die vor zwölf Jahren viele erfüllt hatte, als die Ostsee-Akademie gegründet wurde und die vor zwei Jahren eine vermeintliche Bestätigung erfuhr, als man unter Anwesenheit bedeutender Repräsentanten aus Politik und Kultur - darunter Bundespräsident Herzog, der polnische Außenminister Bartoszewski und die Ministerpräsidentin Simonis - ihr zehnjähriges Jubiläum feierte.

Jene Hoffnung bestand darin, dass eine Landsmannschaft der Vertriebenen - die der Pommern - quasi über alle Schatten gesprungen war und mit der Schaffung einer einmaligen Akademie die Chance bot, einerseits sine ira et studio alle jene Probleme zu diskutieren, die das europäische Zusammenwachsen gerade in Hinblick auf Ostmittel- und Osteuropa aus der Geschichte der letzten ca. 250 Jahre belasten und andererseits den Blick nicht mehr nur rückwärts, sondern a priori nach vorn zu richten. Gerade weil der Gastgeber eine Landsmannschaft war, eröffnete sich eine doppelte Chance: zum einen, den Gästen von jenseits des ehemaligen „Eisernen Vorhangs“ den Blick dafür zu öffnen, dass die unter kommunistischer Herrschaft festgeschriebene Klischeevorstellung von „den revanchistischen Vertriebenen“ falsch ist und dass der Dialog gerade mit jenen äußerst fruchtbar sein kann, die durch ihre Herkunft und Geschichte natürliche Brückenbauer zwischen Ost und West zu sein vermögen; zum anderen, den Menschen im eigenen Lande deutlich zu machen, dass der Weg nach Europa nur gemeinsam beschritten werden kann, Heimatvertriebene und Heimatverbliebene in enger Gemeinschaft mit all jenen, die Jahrzehnte lang in Unfreiheit lebten, sowohl in Deutschland selbst als vor allem östlich seiner heutigen Grenzen.

Die Existenz und das Programm der Ostsee-Akademie bedeuteten ein Fanal, insbesondere auch für die Zukunft der Vertriebenenarbeit in Deutschland in den Landsmannschaften des BdV. Das Adalbertus-Werk als kirchliche Vertriebenengemeinschaft hat diesen Vorgang mit besonderem Interesse beobachtet, zumal seine Gründer schon 1947 erste Zeichen der Versöhnung gegenüber den neuen Bewohnern ihrer Heimat gesetzt haben, entgegen dem damals geäußerten Missfallen von Vertretern der eigenen Landsmannschaft.

Dennoch, das „Feuerzeichen“ erlosch. Schon während der Tagung aus Anlass des 10-jährigen Bestehens im September 1998 war für den sensiblen Teilnehmer spürbar, welchem Spagat sich der Direktor der Akademie, Dr. Albrecht, aussetzte; zu gegensätzlich war die beharrende rückwärtsgewandte geistige Haltung mancher Vertreter des Trägers gegenüber der dynamisch auf Dialog und Brückenbau ausgerichteten des Akademie-Direktors. Es war nur eine Frage der Zeit und der Veränderung der Konstellationen im Vorstand der Landsmannschaft - insbesondere aber auch des Alters und der damit verbundenen Zurückdrängung der Autorität des Spiritus Rektors Dr. Philipp von Bismarck - dass es zum Versuch kommen musste, Dr. Albrechts Kurs in der Akademie zu bremsen und zu verändern.

Das geschah dann mit seiner Kündigung unter fadenscheinigen Gründen und entwürdigenden Umständen am 21. September 2000. (Informationen über die Einzelheiten der Entwicklung findet man in einer ausführlichen Pressedokumentation im Internet unter www.dietmaralbrecht.de /Ostsee-Akademie/Konflikt.) Eine Initiative von über 200 Instituten und Einzelpersönlichkeiten, an der sich auch das Adalbertus-Werk beteiligte - die Unterschriftenliste liest sich wie ein „WHO IS WHO“ der in der europäischen Ostarbeit Engagierten - stellte sich hinter Dr. Albrecht. Der Erfolg war schließlich die Sperrung der Mittel für die Ostsee-Akademie durch Bund und Land und der Versuch, diese im Juli 2001 durch Erweiterung des Trägerkreises auf ein neues Fundament zu stellen, den die Pommersche Landsmannschaft ablehnte.

Die Konsequenz war am 24. September 2001 die Gründung der neuen „Academia Baltica“ mit Sitz in Lübeck, die im Rahmen eines mehrtägigen Symposiums zum Thema „Erbe und Zukunft“ am 3. Dezember 2001 mit einem Festakt im Lübecker Rathaus in Anwesenheit von ca. 300 Gästen aus dem In- und Ausland feierlich eröffnet wurde, bei dem Prof Dr. Arnulf Baring, Berlin, den Festvortrag hielt. Träger und Gründungsmitglieder der „Academia Baltica“ sind die Deutsche Auslandsgesellschaft in Lübeck, die Deutsch-Polnischen Gesellschaften in Berlin, Hamburg und Kiel, die Deutsch-Baltische Landsmannschaft, die Europa-Union Schleswig- Holstein, die Fachhochschule Lübeck, das Institute for European Affairs in Düsseldorf, das Thomas-Mann-Kulturzentrum in Nidden/Litauen, das Adalbertus-Werk/Bildungswerk der Danziger Katholiken und der Verein zur Förderung der Academia Baltica. Vorsitzender des Academia Baltica e.V. ist Dr. Herbert Gienow, Essen, geschäftsführendes Vorstandsmitglied und Direktor der Academia Baltica ist Dr. Dietmar Albrecht.

Der Vorstand es Adalbertus-Werkes hat sich zur Mit-Trägerschaft und aktiven Mitarbeit in der „Academia Baltica“ entschlossen, weil diese an die Tradition der Ostsee-Akademie anknüpfen will, mit deren Ausrichtung sich das Adalbertus-Werk voll solidarisieren konnte. Er sieht darin eine exzellente Möglichkeit, das Bemühen um die Verständigung und den Brückenbau gegenüber Ostmittel- und Osteuropa über den Rahmen der eigenen Bildungsarbeit hinaus zu fördern und damit die eigene Plattform zu erweitern. Er empfiehlt daher den Mitgliedern und Sympathisanten des Adalbertus-Werkes ausdrücklich, das Angebot der neuen „Academia Baltica“ wahrzunehmen und sich in deren Veranstaltungen einzubringen, evtl. auch dem Verein zur Förderung der Academia Baltica beizutreten. Im adalbertusforum werden wir regelmäßig über die Arbeit der „Academia Baltica“ berichten.
Gerhard Nitschke

Weitere Informationen finden Sie auf der homepage des adalbertuswerks