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Marcin Borzymowski: Von Danzig nach Lübeck – eine Meeresfahrt im Jahre 1651

Vortrag auf einer gemeinsamen Veranstaltung der Academia Baltica und der Gemeinnützigen in Lübeck am 3. April 2014 von Jürgen Vietig:

Marcin Borzymowski:
Von Danzig nach Lübeck – eine Meeresfahrt im Jahre 1651

Das Buch, das es hier vorzustellen gilt, ist auch in Polen nur einem relativ kleinen Kreis von Lesern bekannt. Und dasselbe gilt für Marcin Borzymowski, den Autor des Buches „Von Danzig nach Lübeck – eine Meeresfahrt im Jahre 1651“. Wir müssen immer wieder mit Konjunktiven, mit Ausdrücken wie„vermutlich“ oder „wahrscheinlich“ arbeiten, denn wirklich sicher ist über ihn fast nichts bekannt außer, dass er das Buch geschrieben hat.

Unter dem Titel „Nawygacya Morska do Lubeka“ (zu Deutsch: „Meeresfahrt nach Lübeck“) erschien das Buch im Jahre 1662. Und selbst das einzige im 20. Jahrhundert überlieferte Titelblatt gibt es heute nicht mehr im Original. Es wurde, wie das ganze Werk, Opfer der Flammen, als deutsche Truppen 1944 nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands die Polnische Nationalbibliothek in Brand steckten. Glücklicherweise war das Buch aber 1938 in einer Neuauflage erschienen, von der sich einige Exemplare erhalten haben.

Ein Porträt des Landadligen Marcin Borzymowski gibt es ebenfalls nicht. Bekannt ist nur: Er wurde um 1630 geboren, ihm gehörten zwei Dörfer in der Nähe der südostpolnischen Stadt Lublin und 1651 unternahm er die Reise nach Lübeck. Nach 1660 verliert sich seine Spur völlig.

Soviel zum Autor und nun zum Buch:

Warum hat es sich gelohnt, das Buch dieses relativ unbekannten Autors zu übersetzen und rund 350 Jahre nach der Erstveröffentlichung in Deutschland zu publizieren?

Es sind vor allem zwei Gründe:

Erstens: Der adlige polnische Autor zeichnet ein in seiner Zeit, der Zeit des Sarmatismus, unübliches unvoreingenommenes Bild von den Deutschen, vom hansischen Bürgertum, von den Protestanten und

Zweitens: Wir erfahren interessante Einzelheiten über Rostock - und über Lübeck: nicht nur als Ziel der Reise, sondern auch über das Leben in der Stadt. Das ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen – dazu werde ich am Schluss meiner Ausführungen meine Hypothese vortragen.

Als Borzymowski 1651 seine Reise unternahm, waren erst drei Jahre seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges vergangen, der Deutschland verheert, der aber Lübeck weitgehend verschont hatte. Die „Kriege des 17. Jahrhunderts hatten Lübeck ... nicht selbst berührt, ja sie hatten - von den Lübecker Kaufleuten bewußt genutzt hier und da eine Art Kriegsgewinnlereffekt auf die Wirtschaft der Travestadt ausgeübt“, urteilt die Lübecker Historikerin Antjekathrin Graßmann.

Lübeck bot sich also als Ort mit intakter Infrastruktur als Platz für Verhandlungen zwischen Polen und dem verfeindeten Schweden an. Und wahrscheinlich erfüllte Borzymowski bei diesen Verhandlungen eine nicht näher bekannte Funktion.

Das Buch über die Reise, das erste in polnischer Sprache, das sich dem Sujet des Meeres und der Stürme widmet, erschien aber erst 1662, also elf Jahre später. Doch davon ist im Text nichts zu bemerken.

Zwar war das Verhältnis zwischen dem protestantischen Schweden und dem überwiegend katholischen Polen bereits 1651 gespannt.

Aber vier Jahre später, 1655, hatte Schweden seine Heere nach Polen einmarschieren lassen. Sie kamen bis zum Hellen Berg in Tschenstochau, dem polnischen Nationalheiligtum mit der Schwarzen Madonna im südlichen Polen. Erst dort konnte der Vormarsch - der Legende nach durch die Schwarze Madonna -gestoppt werden. Polen verlor in diesem desaströsen Krieg fast die Hälfte seiner Bevölkerung. Im polnischen Bewusstsein lebt diese Zeit bis in die Gegenwart als die der schwedischen „Sintflut“ fort. Die Protestanten galten von da an den meisten katholischen Polen als Verräter. Der polnische Adel, wurde nach 1655 zunehmend intolerant, fremdenfeindlich und überheblich. Man spricht von der Epoche des Sarmatismus, weil der polnische Adel seine (mythische) Herkunft auf die Sarmaten, eine mit den Skythen verwandte Volksgruppe zurückführte, die auf dem Gebiet der heutigen Ukraine lebte. 

Die damalige Kleidermode des polnischen Adels sollte das nicht-westliche Sarmatische, besonders zum Ausdruck bringen.

Ein Text wie der Borzymowskis, in dem die Protestanten unverändert als freundliche nachdenkliche Menschen geschildert werden, dürfte auf die meisten polnischen Landsleute nach der schwedischen Sintflutals Affront gewirkt haben.

Es bleibt ein Rätsel, warum das Buch 1662 offenbar unverändert, ohne Berücksichtigung der politisch-militärischen Entwicklung und der Zeitstimmung erscheinen konnte. Dass der Autor die Ausgabe vor dem Druck nicht mehr ansehen konnten, erklärt das nur zum Teil.

Das Buch enthält über fünftausend, öfter etwas holperige Verse. Die deutsche Übersetzung des Karl-Dedecius-Preisträgers Bernhard Hartmann ist in Prosa abgefasst und liest sich sicher leichter als das Original. Trotzdem hat Hartmann Wert darauf gelegt, durch Wortwahl und Satzrhythmus den Eindruck eines Barockwerkes zu erhalten.

Das Buch zeugt von der klassischen Bildung des Autors, weist ein dramaturgisches Konzept auf, ist aber vor allem durch seinen außerordentlich vielfältigen Inhalt auch heute noch lesenswert, nicht zuletzt durch die lebendigen Schilderungen der Gefahren des Meeres.

Für den Landadligen Borzymowski war das Meer wie für die meisten seiner polnischen Zeitgenossen - etwas völlig Fremdes.

„Doch hat sich das liebe Polen niedergelassen auf fruchtbarem Boden/ wie in Abrahams Schoß./ Der Pole muss vom Meer nichts wissen,/Da er fleißig pflügt.“

So hat es ein anderer polnischer Autor hat gesagt.

Dieses Zitat entnehme ich einer Studie des emeritierten Rostocker Professors für Slavische Literaturwissenschaft Witold Kośny, dem ich auch sonst viele Informationen verdanke und der die Einleitung zur deutschen Ausgabe des Buches geschrieben hat.

Um die Ostsee, dieses fremde, feindliche Element zu überwinden, um eine Meeresfahrt zu unternehmen und sie zu überstehen, bedurfte es nach Ansicht Borzymowskis himmlischen Beistandes.

Und so ist auch der Anfang und das Ende des Versepos der Heiligen Jungfrau Maria gewidmet, die die abenteuerliche Seefahrt zu einem guten Ende führte.

Außerdem ist für den katholischen Autor persönlich die Beziehung zur Mutter Mariens, der Heiligen Anna, der Schutzpatronin der Schiffer, besonders wichtig.

Die Heilige Anna taucht in seinen Träumen auf, sie wird von ihm besonders verehrt. Er bittet sie, dass sie das Schiff lenke und sich bei ihrem Enkel Jesus für eine ruhige s Meer einsetze. Eine Bitte, die jedoch nicht erhört wird das Schiff wird vielmehr von mehreren Stürmen erfasst. Statt drei bis vier Tage dauert die Reise dreimal so lange. Zweimal muss sich das Schiff in einen schützenden Hafen retten, bevor das Ziel Lübeck erreicht wird.

Die Stürme so stellt sich kurz vor Lübeck heraus sind dadurch verursacht, dass ein Paar gegen göttliche Gebote verstoßen hat: es lebt auf dem Schiff in wilder Ehe. Die Stürme, der mehrfach drohende Untergang, waren dafür die Strafe. Als der Kapitän davon erfährt, gibt es für ihn nur eine Konsequenz: Arnolf, der schuldige Mann, der die arme Praxeda verführt hat, muss in Lübeck dem Henker übergeben werden.

Soviel zum religiösen Hintergrund der Reise.

Ihr im wahrsten Sinne stürmischer Verlauf gibt dem Autor die Möglichkeit einen ganzen Strauß von anderen Themen anzusprechen:

  • -  Die Beziehung zwischen Kapitän und Passagieren

  • -  Das Verhältnis von Deutschen und Polen auf dem Schiff

  • -  Das Leben deutscher protestantischer Bürger in zwei Hafenstädten und

    ihr Umgang mit den polnischen Reisenden

  • -  Weltpolitische Ereignisse wie der Kosakenaufstand gegen die polnische

    Herrschaft in der Ukraine und die Hinrichtung des englischen Königs Charles I in London.

    Beginnen wir mit der Rolle des deutschen Kapitäns:
    Bereits zu Anfang der Reise zeigt sich der Kapitän als geldgieriger Mensch.

    Einige zu spät kommende Passagiere, die sich von ihren geliebten Danzigerinnen nicht trennen können, will er nicht mehr auf das Schiff lassen.

 

Erst als die Männer mit einem Beutel mit Goldmünzen winken, stoppt er das Schiff und lässt sie noch an Bord.

Auch von der Todesstrafe für den vorhin erwähnten Verführer Arnolf lässt er ab, als ihm fünfzig Goldstücke, ein fein verzierter Gürtel und ein Degen gegeben werden. Statt der Todesstrafe verpflichtet er Arnolf nun dazu, seine Praxeda in Lübeck zu heiraten.

Ansonsten vertritt er- mit größtem Nachdruck den Grundsatz, den der ehemalige FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle einst so formulierte:

„Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt’s einen, der die Sache regelt.“

Auf dem Schiff, vermutlich vom damals verbreiteten „Fleute“-Typ, haben sich außer dem Kapitän und der Mannschaft achtzig deutsche und dreißig polnische Passagiere zusammengefunden.

Ihr Zusammenleben gestaltet sich äußerst harmonisch. Unabhängig von der Konfession, betet man zusammen, die Deutschen musizieren zur Freude der Polen, und kurz vor der Landung in Rostock trinkt und feiert man gemeinsam. Und als die Polen der Einladung des deutschen Bürgermeisters von Stokhop, einer imaginären Stadt, folgen, geben ihnen drei Deutsche als Dolmetscher und Ratgeber für ein angemessenes Verhalten das Geleit.

Bis heute hat für Polen die Gastfreundschaft ein ganz besonderes Gewicht. „Gość w dom, Bóg w dom“ Ein Gast im Haus – Gott im Haus“ lautet ein altes, viel zitiertes Sprichwort. Für Borzymowski ist Gastfreundschaft deshalb ein besonders wichtiger Prüfstein bei der Beurteilung der deutschen Bürger.

Das Ergebnis dieser Gastfreundschafts-Prüfung ist aus Sicht des Autors sowohl in Rostock als auch im imaginären Stokhop ausgesprochen positiv. Die Polen finden jeweils ehrenvolle Aufnahme und werden reichlich bewirtet. In Stokhop reichlicher noch als in Rostock, wo es immerhin einen Ehrensalut gab und die Professoren der Universität angetreten waren. Diese Ehre galt aber einem zufällig gleichzeitig ankommenden, höher gestellten polnischen Würdenträger, sie galt dem Starosten von Putzig, Jan Zawadzki, ein „Europäer“ –wie Borzymowski schreibt - der sich in fließendem Französisch verständigte.

Der Aufenthalt in Rostock ist einerseits bestimmt durch die Geburt eines Kindes und den kurz darauf folgenden Tod von dessen Mutter, einer Schwester des  Kapitäns. Den protestantischen Trauergottesdienst schildert Borzymowski ohne jede Polemik und durchaus mit Verständnis.

Kapitäns. Den protestantischen Trauergottesdienst schildert Borzymowski ohne jede Polemik und durchaus mit Verständnis.

Viele polnische Mitreisende vergnügen sich dagegen in Rostock mit Bogenschießen und beim Pferderennen.

Anders als in Rostock steht in Stokhop die Weltpolitik im Mittelpunkt: Der Bürgermeister von Stokhop, der die polnischen Gäste mit allen Ehren begrüßt, will von ihnen sofort wissen: Was tut sich in der Ukraine? Wie kam es dort zum Krieg? Und die polnischen Besucher berichten über den Aufstand der Kosaken unter ihrem Hetman Bohdan Chmielnicki, über das brutale Vorgehen gegen die polnischen Herren und die Juden, von denen er hunderttausend getötet habe. Doch der neue polnische König Jan Kazimierz sei nun dagegen erfolgreich vorgegangen, berichten die Polen.

Der Bürgermeister von Stokhop antwortet den Polen, nicht nur sie seien vom Unglück betroffen, sondern auch in England sei großes Unrecht geschehen. Er führt die polnischen Gäste durch sein prunkvoll ausgestattetes Haus. An den Wänden hängen Bilder, die die Geschichte des Cromwellschen Aufstandes und die Hinrichtung des Königs Charles I zeigen.

Warum gibt es diese politischen Gespräche gerade im imaginären Ort Stokhop? In Stokhop, das auf einer Insel gelegen und offensichtlich reicher und politisch bedeutender ist als Rostock?

Meine Hypothese lautet: bei Stokhop handelt es sich in Wirklichkeit um Lübeck - oder um es etwas vorsichtiger auszudrücken: Stokhop trägt viele Züge Lübecks.

Damit meine ich das Interesse an europäischer Politik, speziell auch an der englischen, denn von dort droht nach der Hinrichtung Charles I Schaden für die Lübecker Handelsschifffahrt: der Erlass der Navigationsakte vom Oktober 1651 bestätigt solche Befürchtungen.

Die prächtige Ausstattung des Bürgermeister-Hauses konnte an der südlichen Ostseeküste nur in Lübeck das Ausmaß erreichen, das Borzymowski beschreibt. Zwar habe ich keinen Beleg dafür gefunden, dass zum Beispiel die Bilderfolge über das Schicksal Charles I tatsächlich dort gehangen hat ich hoffe hier auf weitere Forschungen der Lübeck-Historiker, die schon den Katalog der Wand- und Deckenmalereien aus Lübecker Profanhäusern publiziert haben.

Und schließlich: der Name Stokhop. Der polnische Literaturhistoriker Edmund Kotarski hat die These aufgestellt, es habe sich um Stothave, heute Stuthof, bei Rostock gehandelt. Außer einem ganz entfernt ähnlichen Klang spricht nichts dafür.

Warum also dieses imaginäre „Stokhop“ in einem Versepos, das sonst nur reale Ortsnamen enthält: Danzig, Hela, Putzig , Rostock und Lübeck.

Meiner Meinung nach hängt das mit der Struktur des Versepos zusammen: Es beginnt mit der Anrufung Mariens und endet mit dem Dank an Maria, die er seinen Versen als Krone so wörtlich aufsetzt. Diesem von religiösen Vorstellungen bestimmten dramaturgischen Bogen musste sich die Realität unterordnen.

Nach dem Marienlob am Ende der Reise hätte es sich nicht geziemt, noch über Politik, die Einrichtung der Zimmer des Bürgermeisters oder die Schönheit seiner Töchter zu sprechen. Es wäre unpassend und völlig inadäquat erschienen. Deshalb musste Borzymowski seine Lübecker Erfahrungen an einen imaginären Ort vorverlegen, eben nach Stokhop.

Und mit diesem Namen gibt er womöglich auch noch indirekt einen Hinweis auf Lübeck. Denn er kombiniert aus der Anfangs- und der Endsilbe zweier Orte aus der näheren Umgebung Lübecks den imaginären Namen Stokhop: Die erste Silbe von Stockelsdorf und die letzte Silbe von Heilshoop, jeweils der polnischen Rechtschreibung angepasst, ergibt Stokhop.